FILOZÓFIA

    Endre Kiss

Anarchie und Anthropologie

Das Konzentrationslager in der Massenwahntheorie von Hermann Broch

2024.01.06.


Hermann Broch

Hermann Brochs massenpsychologischer und gleichzeitig theoretisch-politischer Text führt in eine Problematik hinein, die selbst im Meer von zahlreichen Interpretationen in mehr als einer Hinsicht als neu erscheint. Er ist eine der interdisziplinaeren, kohaerenten, persönlichen und originellen theoretischen Einsichten, die den Denker Hermann Broch durchgehend auszeichnen. Dieser Text, „Demokratie im Zeitalter der Versklavung”, existiert als eine 97 Seiten starke, dicht getippte Maschinenschrift, die vom Autor stark durchkorrigiert ist. Dieser Text wurde nicht nur in beiden Gesamtausgaben des Autors publiziert, sondern wurde auch in drei verschiedenen Auswahlbaende aufgenommen (Broch, 1978. 110—191.)

Der Gedankengang besteht aus drei unterschiedlichen intellektuellen Bögen. Der erste bewegt sich im Medium einer anthropologischen Theorie, die mit der Analyse des Konzentrationslagers endet. Diesem folgt eine originelle Interpretation des Konzentationslagers. Als dritter Bogen entwirft Broch auf diesen Grundlagen eine ethisch-juristische Konzeption, die schon die Welt der Demokratie-Theorien hinüberführt. Bis jetzt interpretierte man diesen Text aus dem Jahre 1949 nicht so sehr in der Disziplin der Massenpsychologie (Sozialpsychologie), sondern vielmehr in der politischen Theorie, obwohl auch die andere Möglichkeit weitgehend legitim gewesen waere.

Der Text vom Jahre 1949 laesst die bestimmenden Züge jenes Broch deutlich anführen, der in den vierziger Jahren immer deutlicher aus Dichter zum Denker geworden ist. Eine besondere Kreativitaet und ein besonderer Ideenreichtum ist für diesen Denker charakteristisch. Die innere Logik seines Verfahrens unterscheidet sich sowohl von der der theoretischen Sozialwissenschaften wie auch von der der positiven Wissenschaften. Die seinen Ideen entstammenden theoretischen Einsichten entfaltet er (wenn es sein muss, auch in polemischer Form) auf eine vollkommen exakte und identifizierbare Weise. Nach dem Abschluss einer konkreten Erörterung will er diese Erkenntnisse in eine Form eines theoretischen oder aber eines positiven sozialwissenschaftlichen Diskurses hineinführen. Er verwirklicht also selektiv nur den kreativen Teil des wissenschaftlichen Erkennens. Er transformiert diesen Text aber nicht mehr ins Medium der Wissenschaft, obwohl sein Ansatz (und sein Verfahren) ein genuin wissenschaftlicher ist. Er tut so, vorhin aber führt er alles durch, was für einen wissenschaftlichen Ansatz unerlaesslich ist. Auf diese Weise macht Broch die Arbeit sowohl des professionellen wie auch des nicht-professionellen Interessenten. Denn dieser Diskurs ist zur gleichen Zeit ein wissenschaftlicher (er enthaelt neue Erkenntnis, markiert auch den Weg zu ihr und formuliert auch die Ansaetze der Beweisführung). Derselbe Diskurs weicht jedoch von der Ausführung von wissenschaftlichen Ergebnissen ab, wie sie gewöhnlich in den Normalwissenschaften erscheinen. Was den Kern der neuen Einsichten (in diesem Fall die Analyse der Versklavung) anbelangt, dürfte dieser Unterschied nicht entscheidend sein. Was Brochs Rezeption und Nachleben anbelangt, steht es aber nicht mehr ganz so. Denn es wird stets dem jeweiligen Leser überlassen, ob er diesen Gedankengang als einen fertigen theoretischen Text, als Essay, als eine sehr interessante freie Reflexion eines freien Denkers oder ein sehr ehrwürdiges Nebenprodukt eines grossen Schriftstellers auffassen und interpretieren will. Diese unterschiedlichen Zugaenge reproduzieren diesen Gedankengang auf vier unterschiedliche Weisen. Diese Situation ist in der intellektuellen Welt des zwanzigsten Jahrhunderts vor allem für Broch charakteristisch. Es ist eine grundsaetzliche Situation. Ihre Probleme leben ebenso bis zum heutigen Tage, obwohl die verschiedenen Interpretationsmöglichkeiten des Konzeptes friedlich neben einander leben konnten, was vor allem deshalb möglich gewesen sein sollte, weil die Beurteilung von Brochs dichterischem Lebenswerk nie bezweifelt werden konnte. Waere es nicht so gewesen, so waere dieses ungestörte Nebeneinander gewiss nicht möglich gewesen. Dieser Status des Texttypus führt auf der anderen Seite auch zu den Grundfragen der geistigen Ignoranz der jeweiligen Nachwelt. Die Grenzenlosigkeit des Denkens, die grosse Anzahl der verschiedenen Richtungen, sowie die beschraenkte Zeit für die Bearbeitung des Materials vereint sich mit der wirklichen Freiheit der professionellen und der nicht-professionellen Leser, die im Bewusstsein ihrer Grenzen, ihre tatsaechliche Freiheit oft ins Verhalten der Ignoranz transformieren.

Der erste Bogen der Konzeption erscheint als eine anthropologische Theorie, die in ihrer Begrifflichkeit ein originelles Produkt von Broch ist. Broch betrachtet den Menschen als ein Lebewesen, dem es nie gegeben ist, ihre anarchistischen Tendenzen voll auszuleben. Von diesem Punkt an gilt diese Eigenschaft als die anthropologische Grundbefindlichkeit des Menschen. Seine Logik unterscheidet auch nicht von jener jedes anthropologischen Ausgangspunktes in der Geschichte des Denkens. Diese inneren anarchistischen Tendenzen des Menschen haben ihre eigenen Gesetze und nehmen auf die geschriebenen oder die ungeschriebenen Regeln der Gesellschaft keine Rücksicht. Mit unseren Worten ausgedrückt, erachtet Broch den Menschen als ein Triebwesen, das seine inneren Impulse letztlich auch dann nicht voll kontrollieren und eingrenzen kann, wenn er einer solchen Eingrenzung oft und auch für laengere Zeit tatsaechlich faehig ist, auch dann nicht, wenn er übrigens selbst die Notwendigkeit solcher Kontrolle einsehen kann.

Brochs Denken erweist auch hier als jemand, der auf die tiefsten menschlichen Probleme Antworten sucht. Es ist auch hier universalistisch und allgemeingültig. Er ist in seiner Begrifflichkeit auch hier originell, denn das Attribut „anarchisch” stammt aus der politischen und intellektuellen Sphaere und nicht aus der Welt des Unbewussten. Sein grenzüberschreitender vierter Zug ist geradezu inkommensurabel: in dieser Theorie verfügen auch die Institutionen über dieselbe Grundeigenschaft, auch sie können „anarchisch” sein, und zwar genau in demselben Sinne wie die individuellen Menschen es tun. Auch die Institutionen können ihre eigenen anarchistischen Tendenzen nicht eingrenzen[1].

Diese Lösung ist in dem grössten Masse ungewöhnlich, darüber hinaus aber auch wert, in aller Tiefe weiter theoretisch zu analysieren. Über eine konkrete und direkte Anarchie der Institutionen, und zwar genau in einem anthropomorphen Sinne, war bis jetzt noch nicht die Rede, über solche Eigenschaften dürfte man höchstens in einer ironischen oder bewusst komischen Umgangssprache sprechen. Wir wiederholen: Broch übertraegt diese Anarchie des Menschen auf Institutionen. Diese Anarchie vertritt ja selber auch nicht die Normalbedeutung dieses Begriff, sie bedeutet, dass der Mensch, wenn er es nur kann, seine Triebe nicht mehr kontrollieren kann, aber auch nicht unbedingt kontrollieren will. Dadurch entsteht eine ganz neue anthropologische Auffassung, die man mit einiger Verwunderung etwa in Broch’s Romangestalt aus der Schlafwandler-Triologie, wieder erkennen kann. Uns darf es nicht um den Wahrheitsgehalt dieses neuen anthropologischen Ansatzes gehen, wir müssen an dieser Stelle diesen Ansatz nur klar verstehen. Diese Anarchie, die ja, wir wir betonten, selbst für die Menschen angewandt eine scharfe Provokation enthaelt (der Mensch kann seine Triebe nicht kontrollieren und vielleicht will er es auch nicht in jeder Situation tun), wird also ganzheitlich auf die Institutionen angewandt. Von diesem Augenblick an müssen wir also auf alle Institutionen so blicken, dass wir in ihnen schon ihre mögliche Anarchie im Brochschen Sinne antizipieren. Wichtig ist, dass die Anarchie der Institutionen mit jener des Menschen vollkommen übereinstimmt.

Wir befinden uns hiermit in der merkwürdigen Situation, dass wir diese Anarchie, die Broch sowohl beim Einzelnen, wie auch bei den Institutionen diagnostiziert, an zahllosen Beispielen des Alltags bestaetigt finden, waehrend uns die Brochsche kategorische Feststellung und Definition zutiefst erschrickt. Es scheint, dass der Grund unserer Reaktion nicht so sehr die rein wissenschaftlich-kritische Einsicht ist, dass Broch diesen Tatbestand nur deklariert und mit dem empirischen Beweismaterial desselben schuldig bleibt. Es scheint vielmehr, dass wir uns durch diesen Schock halb-bewusst von dem konsequenten Durchdenken und folglich auch von der Stellungnahme über diesen Tatbestand verschliessen wollen, jeder kann an sich ermessen, wie er mit der Beherrschung seiner Triebe steht und was die so interpretierte Anarchie der Institutionen anlangt, so kann jeder auch hier unschwer zahlreiche Erfahrungen darüber gesammelt haben, wegen des universalen Charakters der Aussage ist aber auch hier eine Beweisführung eher unmöglich. Waehrend wir beide Thesen im Konkreten wohl kennen, können wir ihre Verallgemeinerung – überrascht - nicht akzeptieren!

Eine andere, ebenfalls sehr informatíve Formulierung dieser Anarchie laesst sich aus Broch in der Richtung herauslesen, dass der Mensch ein „unlimitiertes” Wesen ist, eines „ohne Schranken”. Sein innerer Wille wird trotz seines eigenen Wollens auf Anstrengungen eingestellt, die sich gegen die Schranken richten. Dies funktioniert als eine Ausgangssituation, die sich dann auf „anarchistische” Weise realisieren kann. In diesem Vergleich kann auch schon offensichtlich werden, was für ein mutiger Schritt bei Broch war, dass er auch die Institutionen mit demselben Attribut (anarchisch) versah.

Das bedeutet (und es muss auch ernst genommen werden), dass wir uns von jeder Institution annehmen können, dass sie sich von allen Fesseln frei machen will, die sie bei der Ausführung ihrer immanenten anarchistischen Tendenzen hindern könnte. Selbst soziale Institutionen arbeiten demnach nicht rein rational, sie können deshalb auch für die anderen Institutionen wie auch für die Individuen massive Gefahren bedeuten. Hierbei muss man keinen relevanten Untzerschied zwischen den „Institutionen” und den verbandsmaessig organisierten oder einzelnen „Individuen” machen, die diese Institution leiten und ihr Schicksal (das Schicksal der Institution) mit ihrem eigenen Schicksal identifizierend verbinden, dieses Moment macht erst die Wahrheit dieser Ausdehnung geltend. Diese Vision ist bei Broch universal. Selbst jene Einzelnen verfügen über diesen anarchistischen Tendenzen, die aktuell auch selber Opfer so einer anarchischen Institution oder so eines Individuums sind. Opfer zu sein, bedeutet keine andere Qualitaet. Waeren sie naemlich in der Lage der aktuell Herrschenden, die ihre anarchistischen Tendenzen (durch die Beseitigung der Triebreduzierung) gerade ausleben, sie würden in der Position der Führenden dasselbe Triebausleben an den Tag legen.

Auf diese Basis einer durchaus konsequenten Anthropologie sollte ein neuer Politikbegriff aufgebaut werden. Die bisherige politische Grundanschauung konnte mit ruhigem Gewissen – ganz allgemein, versteht sich – davon ausgehen, dass Institutionen rational arbeiten. Es ist an dieser Stelle nicht unsere Pflicht, auf einzelne kritischen Konzepte gegen die Rationalitaet von Institutionen einzugehen, denn in dieser Kritik ging es überhaupt nicht um eine Auffassung der Institutionen, die wir hier bei Broch erleben. Nach dieser Anthropologie von Broch dürfte zumindest die Politikwissenschaft mit hohen theoretischen Ansprüchen diese Möglichkeit nicht mehr aus den Augen verlieren, auch wenn diese Auffassung auf den ersten Augenblick tatsachlich paradox, wenn nicht absurd klingen kann. Eine ganz andere Frage ist, dass sich dadurch auch die Bewegungsraeume der praktischen Politik aendern müssen, der nicht unübliche Kampf der Institutionen kann nunmehr nicht mehr nur auf persönliche Rivalitaeten oder auf Verteilungskonflikte, sondern auch schon auf diesen Machtwillen zurückgeführt werden, der auf gesteigertes Triebausleben gerichtet ist.

Wir sehen, diese Vorstellung kann sich einerseits harmonisch auf die bisherigen Definitionen des politischen Systems aufgebaut werden, andererseits jedoch weicht sie von denen auch deutlich ab. Sie nimmt von jedem Akteur an, dass sie ihre gegebenen Grenzen stets überschreiten, d.h. dass sie jenen Drang nach Unbeschraenktheit stets auch realisieren wollen, der ihre anthropologische Bestimmtheit ist. Die soziale Ordnung, das politische System, die politischen Mechanismen artikulieren auch weiterhin die objektiven und rationalen partikulaeren Interessen, was aber nicht ausschliesst, dass in ihrer Tiefe (bottom) auch die anarchistische Grundkonstitution des Menschen mit ihren Triebwünschen arbeitet.

Brochs hier ausgeführtes Mensechenbild, das wir im weiteren Brochs Anthropologie nennen möchten, ist zur gleichen Zeit neu und nicht neu. Im allgemeinen laesst es sich nicht neuartig nennen, weil bei der Interpretation von Normen, geordneten menschlichen Verhaeltnissen und rationalen Gesetzen viele Attitűden aufkommen, die in der wirklichen Tiefe der geordneten und humanisierten menschlichen Verhaeltnissen eher unbewusste, instinkthafte, selbstgesetzlich rebellierende Inhalte annehmen, bei denen es also nicht selten um einen Willen zur Macht gegen die bereits humanisierten und geordneten sozialen Verhaeltnisse stehen. Ein sozial Unbewusstes kann also im engeren Sinne des Wortes nicht als eine vollstaendig neue Erkenntnis angesehen werden. Aus vielen anderen Gründen kann jedoch diese Auffassung doch als Innovation aufgefasst werden.

Diese Anthropologie, die auch das Milieu des sozial Unbewussten kreuzt, erscheint in Brochs Lebenswerk in zahlreichen Stellen und Zusammenhaengen. Bei ihm erscheint selbst das nicht als problematisch, dass er gewisse Phaenomene in einem literarischen Kunstwerk intellektuell erfasst, denn im Kontext seines breiteren Lebenswerkes ist der Übergang vom Denken ins Dichten und umgekehrt, sowie der Übergang von einem wissenschaftlichen Diskurs in die Literatur und umgekehrt schon vorexerziert wird. Für uns ist für die Produktivitaet dieser Auffassung das beste Beispiel die Gestalt von Esch aus der Schlafwandler-Trilogie[2], es würde uns tatsaechlich stören, wenn wir die Beschreibung von Esch wegen potentiellen methodologischen Vorwürfen nicht in dem theoretischen Diskurs produktiv machen dürften.

Ein aehnlicher Beweis ist Brochs eigene Theorie über den Zerfall der Werte gilt in der Schlafwandler-Trilogie, seine eigene Analysen über den Daemmerzustand (nicht nur in vielen Schriften, sondern auch in vielen Kontexten und sogar in vielen unterschiedlichen Disziplinen). Das Gleiche gilt von seinen Arbeiten, die er direkt als Massenpsychologie (Massenwahntheorie) formulierte. Betrachtet man all diese Bestrebungen nun als eine Einheit, so ist es klar, dass in all diesen Ansaetzen auch die Elemente jener Anthropologie enthalten sind, wir wir vorhin als schon rekonstruierte und deshalb selbstaendige theoretische Konzeption genannt haben.

Broch formuliert diese Anthropologie auf eine neue Art. Das Attribut „anarchisch”, „Anarchie” mag sogar irreführend sein. Die damit verbundenen Schwierigkeiten liegen auf der Hand. Eine persönliche und nicht-konventionelle Wortwahl zeitigt stets zahlreiche negatíve Konsequenzen, nicht zuletzt für den Autor selbst! Es waere aber ebenso verfehlt, auf die zahlreichen produktiven Möglichkeiten zu verzichten, die heuristisch mit einer unkonventionellen Begriffswahl zusammengehen.

Im Grossteil der theoretischen Diskussion wird der Begriff der Anarchie auf ein bewusstes, sogar, dezidiert sophistiziertes intellektuell-politisches Verhalten angewandt. Broch weiss selbstverstaendlich ausgezeichnet, was wir an dieser Stelle bewusst betonen müssen: Das in der Geschichte des Denkens eine relevante Rolle spielende anarchistische Denken ist alles andere als primitiv oder instinktiv. Im Gegenteil. Die wahre hohe Zeit des anarchistischen Denkens entfaltet sich in einer relativ spaeten Phase der Geschichte des Denkens, und zwar erst in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts. Es tritt eben nicht als eine instinktive Theorie, vielmehr als eine bewusste und komprimierte Überwindung der ganzen Summe der damaligen politischen Konzepte und Ideologien. Es existierte also ein historischer Augenblick als der Anarchismus als eine gemeinsame Überwindung des Konservatismus, des Liberalismus und des Sozialismus und dadurch als die einzig noble und moralisch vertretbare Philosophie galt. Brochs persönliche Wortwahl (Anarchismus für die Bezeichnung des immanent grenzüberschreitenden Charakters der menschlichen Natur) ist also auch aus diesem Grunde nicht unbedingt problemlos, denn sie hat mit der historisch relevantesten semantischen Möglichkeit direkt nichts zu tun.

In Hermann Brochs grosszügiger und doch knapper Konzeption trifft man auf zwei entscheidende innovatíve Momente. Das eine inovatíve Element war die „Ausdehnung der Ausdehnung”, d.h. die Aufnahme der Institutionen, als kollektive Akteure im Handeln, in die Handlungstheorie, die ja Broch nicht unmittelbar interessiert, sondern, wie wir gezeigt haben, als Teil der Instinktreduzierung im Handeln. Institutionen gelangen in dieser Logik in die Gültigkeitsbereiche der Anthropologie. Wenn sie naemlich in eine entsprechende Lage kommen, wird dasselbe „anarchistische” Bedürfnis (Wille, Wunsch, Zielsetzung) auch für die Institutionen bestimmend, das Broch bei den Individuen als anthropologisches Phaenomen diagnostiziert. In diesen Situationen wollen sich die Institutionen auch von ihren Grenzen und Einschraenkungen, von allen ihren Hemmungen befreien.

Diese Phaenomene beschrieb man gewöhnlich als rein ökonomische und machtpolitische Momente des Wachstums oder der Selbsterweiterung von Organisationen, so erschienen sie praktisch als problemlose Phaenomene. Dass diese Phaenomene auch anthropomorphe Seiten haben, war noch kaum registriert. Selbst die Errungenschaften der funktionalen Systemtheorie erkennen und akzeptieren des „kollektiven Handelns” nur in ihrer Faktizitaet, der direkten (naturalistischen) oder der indirekten (funktionalen) Triebproblematik (d.h. der Brochschen Anarchie) gehen sie aus dem Wege. Wir sahen, Broch traf also mit der Idee des kollektiven (institutionellen) Handelns auf einen Gegenstand, der durch die Luhmannsche funktionale Systemtheorie von zentraler Bedeutung geworden ist. Diese Idee eröffnet aber den Weg auch in der Richtung der Globalisationstheorie, denn die sog. aktoriale Dimension der Globalisation konnte alle in der Richtung der Handelnden und der Handlungstheorie stark sensibilisieren, Brochs „kollektives Handeln” oder „institutionelle” Anarchie muss zweifellos als ein relevanter Schritt auch in dieser Richtung gelten. Dass globale Akteure auch in die Lage kommen konnten, ihre anarchischen Wünsche zu befriedigen und die sie einschraenkenden Grenzen zu überschreiten, kann ernsthaft nicht in Zweifel gezogen werden. Dass globale Akteure des öfteren auch ganze Insititutionen verkörpern, ja, sie in ihrer Person die Institution sind, gilt heute ebenfalls als evident. Die Zurückgebliebenheit der Theorie und insbesondere der theoretischen Sozialpsychologie kann durch nichts besser belegt werden als durch die Tatsache der Ignoranz gegenüber diesen neuen Realitaeten.

Die sich von ihren Einschraenkungen und Grenzen befreien wollende Anthropologie, die Broch Anarchie nennt, ist positive Wirklichkeit. Die unausgelebten anarchistischen Tendenzen (im Sinne Brochs) induzieren harte Kaempfe zwischen Individuum und Individuum, Institution und Institution. aber auch zwischen Individuum und Institution. Das positiv werdende Ziel der Befreiung ist der Sieg, der so weit geht, dass der jeweilige Sieger auch versklaven kann, wen er besiegt hat. Diese Auffassung behandelt den notwendigen Prozess der Versklavung als theoretische Abstraktion, keineswegs aber als eine, die sich jederzeit unschwer in eine naturale Machtrelation verwandeln kann. Die Entfernung der theoretischen und der physischen Versklavung ist alles andere als gering.

Die von Broch anarchistisch genannte Sehnsucht in der Beschraenktheit ist Befreiung. Dies ist ein negatíves Moment. Mit der erfolgten Befreiung geht die Versklavung des Konkurrenten zusammen. Wovon jemand sich befreien will, sind gerade jene gesellschaftlichen Einschraenkungen, die es verbieten würden, das andere Individuum, die andere Institution und/oder der den Institutionen unterworfenen Menschengruppen zu versklaven.

In der expliziten Setzung der positiven Versklavung ist Brochs Theorie originell. Nicht ganz und bedingungslos originell ist sie jedoch, denn diese Originalitaet besteht stellenweise darin, dass er deutlich aussagt, was andere Theoreme nur andeuten, bzw. in Aussicht stellen. Mit anderen Worten, sie lassen die Versklavung nur als das Endergebnis ihrer Gedankengaenge aufscheinen und dadurch überlassen zahlreiche weitere Schritte der Phantasie des Lesers. Broch artikuliert es ganz konkret, mehr noch, er bestimmt den absoluten Endpunkt schon an einem relativ frühen Punkt seiner Ausführungen.

Kaum weniger mutige Erkenntnis ist in diesem Ansatz die Beleuchtung der Relation zwischen den Institutionen und den Menschen. Auch eine Institution kann sich anarchisch verhalten, aber auch die Individuen, die von einer solchen Institution aufgenommen sind. Und wo die so verstandene Anarchie auftritt, folgt die Auflehnung gegen Triebeinschraenkungen und da wird auch Versklavung möglich. Eine Institution kann unter gewissen Bedingungen ihre Untergeordneten versklaven, wenn aber aus dem Kampf von zwei Institutionen die eine als Siegerin hervorgeht, dann kann sie nicht nur die andere Institution als Institution, sondern auch die die besiegten Institution repraesentierenden Individuen versklaven.

Der anarchische Wille, aus der Triebeinschraenkung hinauszubrechen, ist also für Institutionen und Inividuen gleich charakteristisch, sogar fundamental. Broch denkt nicht, dass man es gleich im Alltag, im Recht oder in der Administration gleich anwendet, er denkt aber tatsaechlich, dass er eine tiefere Realitaet, exakter ausgedrückt, eine potentielle tiefere Realitaet aufgezeigt hat. Diese Konstellation hat aber auch eine methodologische Pointe, die auch kulturell zutiefst mit Broch verbunden ist. Im Falle des Einzelnen, des Individuums also, war gerade Sigmund Freud das grosse Musterbeispiel dafür, wie die Setzung so einer tieferen Wirklichkeit erfolgreich werden konnte, die Psychologie und die Psychoanalyse leben korrekt nebeneinander (wenn nicht „untereinander”). Kein Zweifel, so ein korrektes methodologisches Nebeneinander zwischen der Anarchie im Verhalten des Einzelnen und derselben im Verhalten der Institutionen ist in der wissenschaftlichen Reflexion ist kaum ernsthaft vorstellbar, damit verkürzt sich aber die Perspektive der Erkenntnis, Momente bleiben ewig hypothetisch oder bleiben ewige Experimente, die laengst schon Gegenstand der Normalwissenschaften haetten werden müssen. [3]

Der anarchische Wille, aus der Triebeinschraenkung hinauszubrechen bildet in seiner Vollstaendigkeit eine zusammenhaengende Anthropologie, er ist aber gleichzeitig eine bestimmende sozial-ontologische Realitaet, deren Gültigkeit nicht angezweifelt werden kann.Diese Realitaet bestimmt oder veraendert die Dimensionen des ganzen politischen Subsystems.Dies ist auch deshalb eine relevante Ausdehnung, weil sie mit allen führenden Begründungen des Politischen mit Notwendigkeit wesentlich zu tun haben kann. Sei es ein demokratie-theoretischer Ansatz, sei es der Komplex der Verteilung der Macht, die potentiell ewige Anarchie von Individuen und Institutionen muss in Hinsicht auf sie komplett durchdacht werden. Damit wollen wir jedoch zu dieser Stunde noch nicht sagen, dass diese Innovation heute schon in nennenswerter Weise vorbereitet wird.

Von den ersten Definitionen der Versklavung an trennt sich Brochs Argumentation in zwei intellektuelle Linien. Der erste Zug enthaelt die fundamentale Definition und auch die wesentlichsten theoretischen Konsequenzen. Der erste Zug laesst Brochs extensiven Konzepten nach und – wie so etwas bei Broch auch in anderen Kontexten haeufig vorkommt – orientiert sich nach den extensiven Ergaenzungen, bzw. Verlaengerungen des neuen Gedankenganges. Wieder nicht selten bei Broch spricht es wieder für sich, dass diese Ergaenzung auch viele Richtungen einschlaegt, die sich vom Kern schon ganz weit entfernen. Als Kern betrachten wir die Versklavung selbst, die neue Demokratie-Theorie (gegen Versklavung) und die den ursprünglichen Begriff der Versklavung ermöglichende Anthropologie.

Man kann dieses spezifische Verfahren Brochs sehr unterschiedlich beurteilen, denn er befasst sich auch hier nicht mit der systematischen Ausarbeitung seines innovatíven Schrittes (d.h. er macht nicht den Job eines Wissenschaftlers), anstatt dessen geht er gleich in mehreren Richtungen weiter, stellenweise fliegt er von einer neuen Einsicht zu einer anderen Einsicht. Seine Erkenntnisse sind neu, sie stimmen, sie entsprechen der Wahrheit und öffnen immer wieder neue Fenster auf zu immer neueren Einsichten. So wird es tatsaechlich möglich, dass selbst eine ganze neue Sozialtheorie aus diesen Erkenntnissen entstehen kann. In diesem Falle müssten wir diesen Ansatz eine an der Versklavung grenzende Anthropologie nennen. Brochs staendige und schwungvolle Neuansaetze dringen in stets neue empirische Felder hinein, er erschliesst mit diesem Ansatz die Politik, die Wirtschaft und die Ideologie (und dadurch aufgrund des pars pro toto-Prinzips auch andere Systeme der Gesellschaft). Bald werden die Phaenomene der Versklavung auf allen diesen Gebieten deutlich sichtbar. In Brochs Vortrag folgen diesen Momenten die drei Kapitel, die den Titel Totalitaritasmus, Anarchie und Demokratie tragen (und eine ungewollte Aehnlichkeit somit auch zu Brochs grosser Roman-Trilogie aufweisen). Dann beschliesst das Kapitel Konflikt diese perspektivistische Analyse im Zeichen der Versklavungsidee.

Auf dieser Basis wirken dann die Adaptationen dieser Innovation in einer ganzen Reihe von Fragen, die unsere ganze Zeit (auch die Brochs, versteht sich) weitgehend bestimmen. Selbst das Definieren des Versklavungsphaenomens kann ohne weiteres paradox scheinen, auch noch absurd, weil es von Anfang einen logischen Widerspruch in sich enthaelt. Denn der pure Akt des bewussten Definierens weist ins Gebiet des Allgemeinen, es ist ein Begriff unter Arbeit und die Funktion des Begriffes involviert von Anfang an das Allgemeine, das das Konkrete unter sich subsumiert und bezeichnet. Ein Phaenomen wie die Versklavung kann jedoch überhaupt kaum „allgemein” erscheinen, das würde gegen unsere Vernunft und Ethik sprechen. Semantisch ist also Versklavung in einem Raum, der mit der Allgemeinheit keine Berührungsflaechen haben dürfte.

Der erste Teil der Theorie, die selbst eine konkrete Ausdehnung des ursprünglichen Konzeptes ist, ist das Grundphaenomen der Versklavung. Der zweite Teil ist schon die Definition des Konzentrationslagers, als des absoluten Nullpunktes der Versklavung und der allerextremsten Art derselben. Der dritte Teil arbeitet die Dialektik aus, die aus dem absoluten Nullpunkt hervorgeht. Diese Dialektik ist nicht mehr eine Fortsetzung oder Verlaengerunjg der anfaenglichen Anthropologie, sondern ein neuer Anfang in der Theorie oder Demokratie. Die Vermittlerrolle spielt hier das Naturrecht. Die naturrechtlich begründerte Demokratietheorie hat mit der menschenrechtlichen Ideologie unserer Tage die engste Berührung. Dadurch haben wir aber auch ausgesagt (und wir taten es mit der höchsten Bewwusstheit), dass Broch eine gewaltige, nichtsdestoweniger bis heute kaum mehrheitlich anerkannte Rolle in der wahren Erhebung des menschenrechtlichen Denkens gespielt hat.

Die Versklavung ist eine allgemeine Formulierung, die einen Begriff in ausgedehnter Form in die wissenschaftliche Sprache einführt, dessen Inhalt sich vorhin auf engere historische Gegenstaende bezogen hat. Nicht typisch ist aber auch, dass Brochs vielfache Transformationen innerhalb seiner Argumentation auch eine breite Skala seiner Anwendungen determinieren, in diesem Fall sehen wir auch, wie die wahre und komplexe Natur des Gegenstandes die Natur des Begriffs und seiner Anwendungen bestimmt. Die innere Dialektik, aber auch Spannung dieser Definition besteht in ihrer notwendigen Vereinigung von der Normalitaet und dem Ausserordentlichem (wenn nicht Unerhörtem). Brochs Ansatz geht konsequent auf die Einsicht zurück, dass die Aktoren, die eine mögliche „Versklavung” durchführen, nicht unbedingt selber einsehen, was sie tun, und zwar aus vielen Gründen. Aus diesen möglichen Gründen sind sie sich dessen nicht immer bewusst, dass das, was sie tun, eben „böse” und „schlecht” ist. Angesichts des Reichtums dieser Möglichkeiten kann man nicht vergessen, dass Broch’s Adaptation dieses Phaenomens in so breiten Zusammenhaengen erfolgt, dass dementsprechend auch die Semantik dieses Begriffes vielschichtig werden muss. Damit geht zusammen, dass er die staendige Grenzüberschreitung zwischen Anthropologie und Sozialontologie kontinuierlich und bewusst suf sich nimmt. Denn auch die (realen oder metaphorischen) „Versklaver” können als institutionelle Akteure, aber auch normale Individuen beschrieben werden, deren institutionelle Position es unmittelbar ermöglichen kann, ihre Triebeinschraenkungen unmittelbar und konkret durchzubrechen und dadurch den Akt der Versklavung zu verwirklichen.

In dieser Argumentation tauchen auch alternative Punkte auf, die man auch in mehreren Richtungen weiter haette ausführen können. Auch die mentale Situation des Sklavenhalters könnte man auch anders beschreiben. Imnmerhin verfaehrt Broch konsequent, wenn er durch Beseitigung des institutionellen Hintergrundes unsere Aufmerksamkeit entschlossen auf die Überschreitung der Hemmungen, bzw. der Einschraenkungen von den als Naturkraft arbeitenden Trieben fixiert.

Viele sehen ein, dass die soziale Einschraenkung der menschlichen Triebe nicht vollkommen ist. Viele denken, dass man die Triebe auch nicht unbedingt einschraenken sollte. Viele denken auch daran, die Einschraenkung der Triebe mit einer ganzen Reihe von unterschiedlichen politischen und sozialen Folgen zusammengehen kann. In all diesen Vergleichen erscheint also Brochs Theorie noch nicht einmal original. Dir Originalitaet seiner Sichtweise über die sozialen Triebe kann aber unschwer aufgezeigt werden.

Indem Broch das Konzentrationslager den letzten Endpunkt und das fundamentale Beispiel der Versklavung nennt, er bewegt sich in zwei Gebieten. Einerseits sagt er laengst bekannte Wahrheiten aus[4] und andererseits zeigt er auf der Grundlage seiner neuen Argumentation bis dahin noch nicht wahrgenommenen und nicht reflektierten Dimensionen. Die hier erörterte Anthropologie macht Broch auch bei der Analyse des Konzentrationslagers geltend. Die beiden anthropologischen Aspekte erscheinen am Beginn und am Ende des Gedankenganges auf symmetrische Weise.

Brochs Anthropologie mit einem Menschenbild, das im Menschen den permanenten anarchischen Kampf gegen die Triebeinschraenkungen als das bestimmendste Attribut erblickt, muss bei der Interpretation des Konzentrationslagers die Grundlage der Deutung ausmachen. Dieser konsequent und bis zum Ende durchgeführte Ausgangspunkt wird hier seine Konsequenzen haben. Es gilt um so intensiver, weil diese Anthropologie (und die mit ihr eng verbundene Brochsche Massenpsychologie) das Konzentrationslager nicht unbedingt als einen systematischen Ort aufweist, der vollkommen exzeptionell erscheinen muss. Es ist klar, dass diese Konstellation einen scharfen Widerspruch in sicht enthaelt und dieser Widerspruch im wesentlich der gleiche ist, den wir vorhin schon in der Analyse der Immanenz dieser Anthropologie erschlossen haben. Das Konzentrationslager erscheint als selbstverstaendliches Grundbeispie,der möglichen uferlosen Versklavung von Brochs Anthropologie-Konzept.

Die Besonderheit und dadurch auch die Kreativitaet von Brochs Theorie zeigt sich jedoch gerade an diesem Punkt. Das ist eine wahre Dialektik, die vor unseren Augen sich voll entfaltet. Wenn naemlich die voll durchgeführte Anthropologie Brochs die Tatsache der historischen Einmaligkeit des Konzentrationslagers zu relativieren schien, werden zur gleichen Zeit manche, bis jetzt unsichtbar gebliebenen Elemente dieser Anthropologie faehig sein, das Spezifische des Kontentationslagers von einer neuen Seite aus aufzuweisen und erlebbar zu machen. Das Spezifische des Gebrauchs der Kategorie der Versklavung erscheint in dem hier manifest werdender Kontrast! Denn in der Institution des Konzentrationslagers gilt Versklavung nicht in demselben Sinne als in anderen Institutionen, bzw Kontexten. Es ist ein spontaner und uniwiderstehlicher Kontrast, es entsteht und wirkt spontan! Es wird sofort bewusst, dass in dieser Institution die Versklavung eine neue Bedeutung erhalten hat, im Kern des Versklavungsbegriffs entsteht wieder ein anderer Kern, der andere Bedeutungen traegt. Es wird somit eine spezifische Anwendung. Es wendet eine vorhin ausgearbeitete Theorie an (selbstverstaendlich geht es um die soeben ausgeführte Anthropologie), in diesem eindeutigen Prozess (work in progress) generiert sich jedoch ein anderer Gegenstand, eine andere Versklavung, die sich gleich mit sich selbst, mit der allgemeinen Auffassung über die Versklavung, differiert, obwohl formal-logisch die urspüngliche Definition der Versklavung auch diesen neuen Gegenstand ab ovo in sich haette aufnehmen müssen. Der neue Gegenstand brach diese Logik auf und forcierte eine neue Dialektik des neuen und des alten Begriffs der Versklavung aus. Waehrend einer korrekten Analyse eines Grenzphaenomens wird in der Tiefe dieses Grenzphaenomens ein noch tieferes und umfassenderes Grundphaenomen entdeckt.

Dieses noch umfassenderes, wenn man will, potenziertes Grundphaenomen eröffnert den Weg auch zu einer Neuformulierung der bisherigen Tiefpunkte der menschlichen Gesellschaft und der menschlichen Existenz. Und das ist konsequenterweise auch jener systematische Ort, an dem Broch dem grössten Philosophen der letzten ethischen Fragen, Kant, mit Notwendigkeit begegnen musste. Broch ist auch Philosoph, seine Philosophie ist mit Kant auf tausend Faeden verbunden. So konnte Broch keinerlei Probleme bedeuten, bei der ethischen, juristischen und politischen Weiterentwicklung seiner grosszügigen Antropologie auf Kant zurückzugehen. Die tiefere Harmonie zwischen Kant und Broch kann sichtbar werden, wenn man sieht, dass Kant selber auch das Verbot der „Versklavung” des anderen Menschen bei seiner Formulierung der ethischen Maximen in Anspruch nimmt. Dadurch kommt Broch – wieder auf einem natürlichen Wege – zur Gründung der Möglichkeit des Naturrechts und damit auch einer neuen Ethik. Wir können nicht sagen, dass die Thematisierung der Versklavung vollkommen ohne Vorgeschichte gewesen waere. Broch ist jedoch gelungen, die Versklavung im Kontext des Konzentrationslagers auf eine neue Dimension zu erheben. Diese neue Dimension entstand durch die Steigerung von einem Phaenomen, das scheinbar nicht weiter gesteigert werden konnte. Diese Dimension eröffnete einen neuen Tiefpunkt und fiel auf eine neue „unter-menschliche” Stufe der menschlichen Existenz. Selbst die „unter-menschliche” Existenz konnte noch einen Schritt weiter „nach unten” tun. Aus der Qualitaet der „unter-menschlichen” Existenz wurde die „unter-tierische” Existenz. Diese Differenz musste dann in der neuen Begründung des Naturrechts und der menschlichen Ethik mit Notwendigkeit erscheinen. Und Broch tat gerade diese Schritte.

Dies ist ein gücklicher und kreatíver Schritt. Broch greift mit glücklicher Hand auf die Anthropologien des achtzehnten und des neunzehnten Jahrhunderts zurück, in denen die menschliche Natur, die menschliche Gattungsmaessigkeit unter anderen auch aus einem Vergleich mit der tierischen Existenz rekonstruiert wird. Es versteht sich, dass diese Vergleiche ohne jegliche Wertbezüge durchgeführt worden sind, die Analyse der Unterschiede zwischen Tier und Mensch wurden durch makellose wissenschaftliche Aspekte geleitet. Und gerade dieser Aspekt erwies sich als der wahre Schlüssel, das Spezifische des Konzentrationslagers unter den Abarten der Versklavung neu zu positionieren.

Brochs eigenartige Dialektik führt in seinem Vergleich des Tieres und des Menschen eine unbegrenzte Mutation durch. Es kommt zu einer negativen Besonderheit, Adorno’s und Horkheimers negatíver Dialektik durchaus aenlich.

Die erste Komponente dieser negatíven Besonderheit besteht in der permanenten Gefahr des Todes, bzw. der Vernichtung durchs Konzentrationslager. Die permanente, willkürliche, von Normen und Regeln nicht abhaengige Todesgefahr ist schon in sich ein ausreichender Grund dieser Hypertrophie der Negativitaet. Das Bewusstsein der permanenten Todesgefahr ist ein bekanntes Phaenomen in der Psychologie. Das Tier hat kein Bewusstsein der Todesgefahr in dem Sinne, es hat auch kein Todesbewusstsein und was es für sein eigenes Überleben und das seiner Gruppe tun kann, ist tief in seine Instinkte eingeschrieben. Der Mensch lebt alle Minuten seines Lebens mit vollem Bewusstsein. Dieses praechtige Produkt seines langen Emanzipationsweges entlarvt sich im Konzentrationslager als seine universalste Tragödie. Das menschliche Leid geht über die Leidensfaehigkeit des Tieres hinaus.

Die Differenz zwischen Tier und Mensch erschöpft sich aber mit diesem Zug noch bei weitem nicht. Auch die Bewusstheit des Erlebens hat ihre Bedeutung, der Weg ins Konzentrationslager hat nicht nur ein Ende, er hat auch einen Anfang. Die Schritt für Schritt durchgeführte Ausgrenzung aus dem sozialen Sein ist schon voll mit Todesgefahr, konfrontiert man diesen Weg mit dem scharfen und permanenten Todesbewusstsein des Menschen. Das Ausgeliefertsein des Tieres und jenes des Menschen im Konzentrationslager besteht in der Differenz, die als Resultat von Brochs Analyse hervorgeht. Als dann der Begriff des „Unter-Menschlichen” in den des „Unter-Tierischen” übergeht, kommt die Aktualisierung der Kantschen Grunddefinitionen des Menschlichen, des Ethischen und der Menschenrechte an die Tagesordnung. Die urspüngliche Kantsche Bestimmung, wonach der Mensch kein Mittel, nur das Ziel der Handlung der Anderen ist, ist inhaltlich voll adaequat. Sie ist trotzdem keine Definition, die die Möglichkeit der Versklavung des Anderen problemlos in sich enthalten würde. Sie ist nicht nur ein semantischer Unterschied zwischen Kant und Broch, auch dann nicht, wenn wir unlaengst sahen, dass Kant selber zum Gebrauch dieses Begriffs gelangte. Der wirkliche Unterschied besteht darin, dass Broch schon über die Erfahrung des Konzentrationslagers verfügte.

Broch fasst die letzte Bestimmung des Konzentrationslagers in drei Momenten zusammen. Der erste Zug das besondere Todesbedrohtsein des Konzentrationslagers als Ausnahemphaenomen. Der zweite Zug ist das Moment der Bewusstheit und der dritte das spezifische Todesbewusststein.

An diesem Punkt kommt eine neue Dialektik des Konzentrationslagers in Bewegung. Das Konzentrationslager revolutionierte die Ethik und das Naturrecht in dem Sinne, wie in Adornos und Horkheimers Theorie der Faschismus die moderne, diesseitige Rationalitaet rcvolutioniert hat. Die vom Naturrecht legitimierten Menschenrechte begründeten im 18. Jahrhundert Revolutionen. Das neue Naturrecht legimiert auf dem Wege der politischen Theorie eine Theorie der Demokratie. Auch die reale historische Entwicklung realisierte diese prinzipielle Möglichkeit. Das Konzentrationslager bestimmte schon nach 1945 die Weltpolitik, dieser Schwung wurde dann vom Kalten Krieg abgebrochen. Erst das Aufkommen der Menschenrechte als führender politischer Theorie hat eine wahre Hegemonie dieses Denkens befestigt.


LITERATUR

Arendt, Hannah (1951), The Origins of Totalitarianism. New York. (Harcourt Brace Jovanovich)

Broch, Hermann (1978), Menschenrecht und Demokratie. Hrsg. von Paul Michael Lützeler. Frankfurt am Main (Suhrkamp)

Broch, Hermann (1978), Politische Theorie. Kommentierte Werkausgabe. Bd. 11. Frankfurt am Main (Suhrkamp)

Kiss, Endre (2001), Philosophie und Literatur des negativen Universalismus. Intellektuelle Monographie über Hermann Broch. Cuxhaven-Dartford (Junghans Verlag)

Kiss, Endre (2014), Die unentdeckte Welt der Seele der Masse(n). Hermann Brochs unentdeckte Massenpsychologie. 1993-2004. in: Önmentés, emlékmécses, dialógus. A modern zsidó identitás tudásszociológiájához. Hacofe. Az Országos Rabbiképző-Zsidó Egyetem /OR-ZSE/ tudományos folyóirata. Különszám. 9.Tematikus szám: MMXIV Vol I. Nr. 1.in:

Kiss, Endre (2014), Philosophien der Krise. Hermann Broch und die unentdeckte Seele der Masse(n). in: Hermann Broch. Poetik, Psychologie und Philosophie der Krise(n).Themenheft Hermann Broch. (Hrg. von Endre Kiss und Gabriella Rácz). in: Zeitschrift für Mitteleuropaeische Germanistik. 4. Jahrgang, 1. Heft 2014. 1-103. (Narr Verlag.) 25-40.

Kogon, Eugen (1982), Der SS-Staat. München. (Wilhelm Heyne Verlag)

Lützeler, Paul Michael (2021), Hermann Broch und die Menschenrechte. Anti-Verklavung als Ethos der Welt. Berlin-Boston (De Gruyter)

Willke, Helmut (1993), Systemtheorie. Eine Einführung in die Grundprobleme der Theorie sozialer Systeme. 4., überarbeitete Auflage. Stuttgart-Jena (Gustav Fechner)


Abstract:

The application of the principles of rationality and irrationality in the philosophical investigation could hardly meet on a better area of application than on that of the mass psychology. With it, Broch intervened in a larger current. The mass psychology, one of the main currents of the twenties, was linked with a peculiar „anthropological” turn : these currents in the psychology, that disappeared before the First World War in the regions of the individual and revolutionized the traditional image of man, concentrated on the individual (and accepted implicitly, that the humanity, the culture, aso. really consist in these individuals like in cells). The First World War, the decline of the old Europe suggest however to regard no longer the society according to the model of the individual, but in reverse order, the individual as element of the diversity. Whilst the description „mass”, „mass psychology”, draws the attention on this concrete historical turn, its use can be considered as legitimate despite the connotations adhering to it. Broch cannot however free himself totally (like for instance also Freud) from such an idea of the mass, which gives really the priority to the individual. An example from the methodological grounds: „... no behaviour of a mass of people allows a legitimate deduction on the existence of a mass soul”. Hier, his philosophy of values becomes again effective. Man (member of the mass, but also comprehended as individual) lives in a value vacuum, from which he should be taken away through a politically initiated mass influence. What Broch is representing here, is the fascism. His conception of the mass delusion is, in this respect, also a possible theory of fascism. In the mass-psychological writings, the practical Broch, having recourse to the theoretical knowledge in the interest of the changement, appears also. Long thought processes are concerned with the so-called conversion, i.e. how people could be won to human values. Here, his analytical description of the processus of conversion in itself and the requested processes of conversion, concretely set as objective, are coinciding. The concept of „Versklavung” is one of the most perfect actualizations of Broch’s comprehensive thinking on Mass Psychology. Here transforms Mass Psychologie itself not just in a new Anthropology but also in a new Social Ontology.

 

Key Words:
Versklavung, mass psychology, anthropology, tribe reduction, institutions, animal nature, anarchy

Published:

Kaleidoscope. Művelődés- Tudomány- és orvostörténeti folyóirat / Kaleidoscope Journal on the History of Culture, Science and Medicine. Kötet:2022/25. DOI:10.17107/KH.2022.25.6-2. p.


[1] Es ist in der Tat wie eine Sensation, dass in der Luhmann Schule die Handlungen, bzw. das Verhalten von Institution im Kontext des „Systems als Akteur”durchaus ernsthaft und im Geiste Brochs erforscht werden. S. Willke, 1993, 189-227.- Ein ausführliches Beispiel: „Für die meisten Menschen ist unerschütterlich klar, dass nur Menschen handeln können. Danach ist Schluss. Zwar spricht man wie selbstverstaendlich davon, dass der Staat etwas getan, die Regierung gehandelt, das Weisse Haus oder der Kreml etwas verlautbart, …, doch auf die Frage, wer genau denn da gehandelt oder kommuniziert habe, bekommt man in der Regel die Antwort, ’letztlich’ sei dies eine Person gewesen. Die Antwort ist aufschlussreicher Unfug. ..Sie ist aufschlussreich insofern, als es offensichtlich schwer faellt, anderen „Einheiten” als Personen die Qualitaet der Handlungsfaehigkeit zuzugestehen.” (ebda, 181.)

 [2]S. darüber ein eigenes Kapitel in: Kiss, 2001

[3] Der Denker Hermann Broch (und aktuell machen wir keinen Unterschied zwischen „Philosophie” und „Wissenschaft” in seinen Texten) konzentriert seine Anstrengungen mit Vorliebe auf diesen Zwischenbereich. Es ist ein zurückkehrendes Element in seinem Oeuvre, dass er solche Ausdehnungen der Problembehandlung durchführt, die Denkstrukturen und Denkmodelle auf ein anderes Gebiet übertraegt. Die Problembehandlung ist auf dem originellen Gebiet in der Regel absolut legitim, auf dem an deren Gebiet noch nicht eingeführt. Der heuristische Gewinn ist klar. Broch kann ihn aber nicht für sich verbuchen, weil auf diesem anderen Gebiet diese Denkfigur noch nicht legitim ist. Diese Eigenschaft bestimmt das Nachleben von Brochs Lebenswerk in erheblichem Ausmass.

[4] Praktisch alle Denker und Intellektuellen sahen es so, am bekanntesten sind Adornos und Horkheimers Interpretationen über die Dialektik der Aufklaerung und über die Relation von Auschwitz und der Möglichkeit der Dichtung.

 

 

 

FEL