KLASSZIKUSOK

Friedrich Engels:

Über den Antisemitismus

ODER per Snail: Anti-Quariat Oranienstr. 45 D-10969

Berlin

 

... Ob Sie aber mit dem Antisemitismus nicht mehr Unglück als Gutes anrichten werden, muß ich Ihnen zu bedenken geben. Der Antisemitismus ist das Merkzeichen einer zurückgebliebenen Kultur und findet sich deshalb auch nur in Preußen und Österreich resp. Rußland.

Wenn man hier in England oder Amerika Antisemitismus treiben wollte, so würde man einfach ausgelacht, und Herr Drumont erregt in Paris mit seinen Schriften - die an Geist denen der deutschen Antisemiten unendlich überlegen sind - doch nur ein bißchen wirkungslose Eintagssensation. Zudem muß er ja jetzt, da er als Stadtratskandidat auftritt, selbst sagen, er sei gegen das christliche Kapital ebensosehr wie gegen das jüdische! Und Herrn Drumont würde man lesen, wenn er auch die gegenteilige Meinung verträte.

Es ist in Preußen der Kleinadel, das Junkertum, das 10000 Mark einnimmt und 20000 Mark ausgibt und daher den Wucherern verfällt, das in Antisemitismus macht, und in Preußen und Österreich ist es der dem Untergang durch die großkapitalistische Konkurrenz verfallene Kleinbürger, Zunfthandwerker und Kleinkrämer, der den Chor dabei bildet und mitschreit.

Wenn aber das Kapital -diese- Klassen der Gesellschaft vernichtet, die durch und durch reaktionär sind, so tut es, was seines Amtes ist, und tut ein gutes Werk, einerlei, ob es nun semitisch oder arisch, beschnitten oder getauft ist; es hilft den zurückgebliebenen Preußen und Österreichern vorwärts, daß sie endlich auf den modernen Standpunkt kommen, wo alle alten gesellschaftlichen Unterschiede aufgehen in den einen großen Gegensatz von Kapitalisten und Lohnarbeitern.

Nur da, wo dies noch nicht der Fall, wo noch keine starke Kapitalistenklasse existiert, also auch noch keine starke Lohnarbeiterklasse, wo das Kapital noch zu schwach ist, sich der gesamten nationalen Produktion zu bemächtigen, und daher die Effentkenbörse zum Hauptschauplatz seiner Tätigkeit hat, wo also die Produktion noch in den Händen von Bauern, Gutsherren, Handwerkern und ähnlichen aus dem Mittelalter überkommenen Klassen befindet - nur da ist das Kapital vorzugsweise jüdisch und nur da gibt's Antisemitismus.

In ganz Nordamerika, wo es Millionäre gibt, deren Reichtum sich in unseren lumpigen Mark, Gulden oder Franken sich kaum ausdrücken läßt, ist unter diesen Millionären - nicht ein einziger Jude -, und die Rothschilds sind ware Bettler gegen diese Amerikaner. Und selbst hier in England ist Rothschild ein

Mann von bescheidenen Mitteln z.B. gegenüber dem Herzog von Westminster. Selbst bei uns am Rhein, wo wir mit Hilfe der Franzosen den Adel vor 95 Jahren zum Land hinausgejagt und uns eine moderne Industrie geschaffen haben, wo sind da die Juden?

Der Antisemitismus ist also nichts als eine Reaktion mittelalterlicher, untergehender Gesellschaftsschichten gegen die moderne Gesellschaft, die wesentlich aus Kapitalisten und Lohnarbeitern besteht, und dient daher nur reaktionären Zwecken unter scheinbar sozialistischem Deckmantel; er ist eine Abart des feudalen Sozialismus, und damit können wir nichts zu schaffen haben.

 

Ist er in einem Lande möglich, so ist das ein Beweis, daß dort noch nicht genug Kapital existiert. Kapital und Lohnarbeit sind heute untrennbar.

Je stärker das Kapital, desto stärker auch die Lohnarbeiterklasse, desto näher also das Ende der Kapitalistenherrschaft.

Uns Deutschen, wozu ich auch die Wiener rechne, wünsche ich alsso recht flotte Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaft, keineswegs deren Versumpfen im Stillstand.

Dazu kommt, daß der Antisemitismus die ganze Sachlage verfälscht. Er kennt nicht einmal die Juden, die er niederschreit. Sonst würde er wissen, daß hier in England und in Amerika, dank den osteuropäischen Antisemiten, und in der Türkei, dank der spanischen Inquisition, es Tausende und aber Tausende jüdischer Proletarier gibt; und zwar sind diese jüdischen Arbeiter die am schlimmsten ausgebeuteten und die allerelendsten. Wir haben hier in England in den letzen zwölf Monaten drei Streiks jüdischer Arbeiter gehabt, und da sollen wir Antisemitismus treiben als Kampf gegen das Kapital?

Außerdem verdanken wir den Juden viel zuviel. Von Heine und Börne zu schweigen, war Marx von stockjüdischem Blut; Lasalle war Jude. Viele unserer besten Leute sind Juden. Mein Freund Victor Adler, der jetzt seine Hingebung für die Sache des Proletariats im Gefängnis in Wien abbüßt, Eduard Bernstein, der Redakteur des Londoner 'Sozialdemokrat', Paul Singer, einer unserer besten Reichstagsmänner - Leute auf deren Freundschaft ich stolz bin, und alles Juden! Bin ich doch selbst von der 'Gartenlaube' zum Juden gemacht worden, und allerdings, wenn ich wählen müßte, dann lieber Jude als 'Herr von'.

London, 19. April 1890. zuerst abgedruckt in:  'Arbeiter-Zeitung', Nr. 19 vom 9. Mai 1890

Anmerkungen (von der Redaktion der MEW):

Mit diesem Brief antwortete Engels dem österreichischen Bankangestellten Isidor Ehrenfreund, der ihm am 21. März 1890 geschrieben hatte, daß unter den Mitgliedern des Klubs der Beamten Wiener Bank- und Kreditinstitute, dem er angehörte, sowie unter einem gewissen Teil der Wiener Bevölkerung der

Antisemitismus weit verbreitet sei und sich in der Propaganda gegen das jüdische Kapital ausdrücke. Engels' Antwort an Ehrenfreund wurde in der 'Arbeiter-Zeitung' mit der folgenden redaktionellen Anmerkung veröffentlicht: 'Es bedarf wohl kaum der Genehmigung, daß wir diesen Brief mit beiderseitiger Autorisation, der des Schreibers und der des Empfängers, zum Abdrucke bringen.' Der Name des Empfängers wurde in der Zeitung nicht genannt.

Engels Brief wurde auch im 'Berliner Volksblatt' Nr. 109 vom 13. Mai 1890 und in der in München erscheinenden sozialpolitischen Wochenschrift 'Das Recht auf Arbeit' Nr. 315 vom 28. Mai 1890 abgedruckt.

Hinweis auf folgende Streiks jüdischer Arbeiter in London: der Streik der Schneider und Kürschner im August/September 1889, der Streik der Bäcker im November 1889 und der Schuharbeiter im März/April 1890. In diesen Streiks setzten die Arbeiter die Annahme ihrer Forderungen durch. Die Schneider, die Kürschner und Bäcker erreichten die Einführung des Zehnstundenarbeitstages an Stelle des bisherigen vierzehn- bis sechzehnstüdnigen und die Schuharbeiter setzten die Forderung durch, wonach die Heimarbeit eingestellt und von den Unternehmern entsprechende Arbeitsstätten gewährleistet werden sollten.

Die Fabrikanten mußten außerdem der Forderung der Schuharbeiter nach Einführung eines Arbeitsschidsgerichts zustimmen. 'Die Gartenlaube. Illustriertes Familienblatt' - literarische Wochenschrift kleinbürgerlicher Richtung; erschien von 1853 bis 1903 in Leipzig und von 1903 bis 1943 in Berlin.

 

Quelle: MEW (Marx-Engels Werke), Band 22, S. 49-51