KLASSZIKUSOK

Eva Reichmann, Bielefeld   

Wie viele Leben hatte Heinrich Heine?

Sinn und Unsinn allzu zahlreicher Dichterbiographien

Heine. Német Filológiai Tanulmányok XXVI. (Szerk: Kiss Endre és Lichtmann Tamás). Debrecen, 2002. 1-334. ISBN 5550001071

2024.05.24.

 

Biographik als literarische Form


Christian Johann Heinrich Heine

Die Biographik ist eine der ältesten Formen und Methoden historischer und literaturhistorischer Darstellung überhaupt. Im Gesamtprozeß der bürgerlichen Emanzipation nimmt sie eine entscheidende Stellung ein: der Einzelne kann als Ausgangspunkt geschichtlicher Prozesse erscheinen. Besonders in den Epochen, in denen die Individualität als Quelle des Schaffensprozesses gesehen wurde, entstehen vermehrt Biographien: das Genie des Dichters soll betont werden, seine Einzigartigkeit gegenüber anderen, Plagiateuren, hervorgehoben werden; Geschichtliche und gesellschaftliche Realität werden modifiziert, dem Geniekult angepaßt. Eine wesentliche Rolle spielt auch die Autobiographie, in welcher meist die Modifizierung der Realität noch stärker betrieben wird, als in den Biographien.

Schon bei den alten Griechen erreichten Biographien eine große Beliebtheit und vor allem eine große Zahl: Plutarch verfaßte 46 (Bioi patalleloi), Cornelius Nepos schrieb 16 Bücher "De viris illustribus". Den nächsten Höhepunkt in der Ära der Künstlerbiographien bildet die Zeit der Rennaisance. Als wissenschaftliche Darstellungsform und Methode erlebte die Biographie einen neuen Aufschwung in der 2.Hälfte des 19. Jahrhunderts; als herausragendes Beispiel zu nennen ist hier unter vielen anderen die Schleiermacher-Biographie Diltheys (1867-70).

Besonders im 20 Jahrhundert beginnen sich die Stile der Biographien stark zu unterscheiden: es stehen streng historische, an Fakten orientierte Werke neben Büchern, welche einzig und allein der heroischen Verklärung des jeweiligen Künstlers dienen sollen ; die Biographie wird eine eigenständige künstlerische Richtung, in welcher Fakten mit eigenen Erfindungen ausgeschmückt und erweitert werden, das Leben der biographisch betrachteten Person somit eine Deutung und Interpretation durch den Verfasser der Biographie erfährt. Die Grenze zwischen romanhafter Gestaltung und faktologischer Fundierung wird fließend bei Werken von Lion Feuchtwanger oder Stefan Zweig.

In jüngerer Zeit wird die Biographie als Gattung oder Form schier nicht mehr erfaßbar: schon zu Lebzeiten der Personen erscheinen nach etwa nur 10 Schaffensjahren Biographien von Hollywoodstars, die sowohl das "Image" des Stars aus der Regenbogenpresse bedienen, als auch mit gerade entgegengesetzten Meldungen Anspruch auf Authentizität erheben. Von der beschriebenen Person authorisierte Biographien stehen neben nichtauthorisierten - letztere gönnen dem Leser den Nervenkitzel, daß der Star sie deshalb nicht authorisiert habe, weil der jeweilige Verfasser unrühmliche und geheime Dinge in dessen Leben entdeckt habe.

 

Besonders gern wird nach schwierigen Zeiten durch eine Autobiographie die eigene politisch umstrittene Position ins rechte - oder linke - Licht gerückt. Besonders etwa 20 Jahre nach dem Ende des Dritten Reichs erschienen zahlreiche derartige Autobiographien - oft als Antwort auf unbequeme wissenschaftliche biographische Essays von Außenstehenden.

Einen neuen Höhepunkt in der Geschichte der Biographien stellt sicher das Heine-Jahr 1997 dar. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben sind hier zu nennen: "Taubenherz und Geierschnabel. Heinrich Heine. Eine Biographie" von Fritz J. Raddatz (Weinheim und Berlin 1977); Jochanan Trilse-Finkelsteins "Gelebter Widerspruch" (Berlin 1977), welche Trilse-Finkelstein den 27 Shoah-Opfern seiner Familie widmet; Gerhard Höhn’s "Heine-Handbuch" (Stuttgart 1997) welches in diesem Jahr eine Aktualisierung und Neuauflage erlebte und "Heine-Zeit" von Joseph A. Kruse (Stuttgart 1997), welches eigentlich keine Biographie sein will, dennoch aber nichts anderes leistet als eine solche. Neben den genannten Werken erschienen noch zahlreiche andere, von der Presse mehr oder weniger beachtete Biographien Heines in diesem Jahr, welche vermutlich an keiner deutschen Universitätsbibliothek gesammelt zu finden sein werden, da die Anschaffung aller dieser Werke wohl den Etat der Kassen sprengen würde.Es stellt sich an diesem Punkt die Frage: wieviele Heine-Biographien braucht der Mensch - egal ob Heine oder sein Rezipient - eigentlich?

Grundsätzlich stellt sich die Frage nach dem Sinn einer Biographie. Warum soll der Leser oder wissenschaftliche Forscher eine Biographie lesen oder gar anschaffen, was wird erwartet? Bleiben wir bei der heutigen Zeit, so sind die Aspekte "Unterhaltungswert", "neue Fakten" und "neue Deutungen" sicher dominierend. Was den Punkt "neue Fakten" betrifft, so läßt sich hier bei Heine - nach den umfangreichen Arbeiten u.a. von " Hädecke - wohl nicht viel Neues mehr entdecken. Was die Faktenlage angeht, so kann es bei allen neu erscheinenden Heine-Biographien kaum mehr Ausgrabungen von bislang Verborgenem geben, es handelt sich viel mehr nur um eine neue Deutung der Fakten, um eine Interpretation biographischer Zusammenhänge im Leben Heines. Womit wir automatisch beim Unterhaltungswert sind. Ein kleinliches Wiedergeben längst bekannter Quellen und Fakten kann nicht so unterhaltend sein, wie Werke, welche die Fakten nicht verdrehen, sie aber dennoch in einderes Licht stellen. Und genau hier liegen die -wenn auch teilweise sehr geringen - Unterschiede zwischen den einzelnen neu erschienenen Biographien.

Ältere Arbeiten zur Biographie Heines

Bevor die aktuellen Biographien besprochen werden kurz ein - bei der Fülle des vorhandenen Materials keinesfalls vollständiger - Überblick über ältere Werke. Da Heine selbst uns eine Autobiographie erspart hat - er war auch ohne definitive Autobiographie wohl einer der größten Darsteller seines Lebens - sind als erste Quellen Briefe oder durch Dritte wiedergegebene Äußerungen von Heines Bekannten und Verwandten; wohl keine dieser Äußerungen ist von Heine selbst authorisiert.

Zu nennen ist hier vor allem Alfred Meißners "Heinrich Heine. Erinnerungen.", in der 2. Auflage 1856 in Hamburg erschienen. Meißner beginnt mit "Heinrich Heine ist todt! Der große Dichter, der die Welt ein volles Vierteljahrhundert lang mit sich zu beschäftigen gewußt, hat sein langes Sterbelied zu Ende gesungen!". Meißner versteht sein Werk als "Todtenopfer" an Heines Grab und legt Wert darauf, daß alle wiedergegebenen Äußerungen des Dichters absolut authentisch seien. Hier sind heftige Zweifel angebracht, da nicht davon ausgehen ist, daß Meißner bei jedem Treffen die Worte des Dichters mitgeschrieben hat. Meißner nennt Heine einen "Dichter der Liebe" und seine Verehrung für den Hauptdarsteller seines Werkes ist durch alle Zeilen hindurch spürbar. Es ist fraglich, inwieweit bei Meißner wiedergegebene Äußerungen Heines als korrekte Quellen gelten können, sein Buch dürfte jedoch ein entscheidender Anstoß für die weiteren Heine-Biographien gewesen sein.

1867 erscheint in Berlin "Heinrich Heines Leben und Werke" von Adolf Strodtmann. Strodtmann beweint das "arme deutsche Dichterleben", er beschreibt die Familie Heines als kleinherzig und er legt Wert darauf, daß er sich vor allem um Heines Beziehung zum Judentum bemüht habe. Mit 600 Seiten Umfang erschien hier erstmals eine sehr breite Präsentation einer ausgiebigen und - für die damaligen Verhältnisse - akribisch erforschten Quellenlage, basierend auf einer sehr intensiven Forschung des Verfassers. Der Inhalt dient der Verherrlichung Heines als dem verfolgten politischen Dichter Deutschlands.

Schon 1922 klagt Max Wolff im Vorwort zu "Heinrich Heine" über die Menge der Literatur zu diesem Dichter, vor allem aber darüber, daß die Literatur tendenziös gefärbt sei. Die Widersprüchlichkeit im Leben Heines soll verstanden werden, dies ist ein großes Ziel dieser Arbeit, womit Wolff eigentlich vorgibt, weniger tendenziös sein zu wollen und die Widersprüche durchaus als solche stehenzulassen. Was dabei herauskommt, ist eine Biographie, die Heine nicht als eines der größten dichterischen und poetischen Talente Deutschlands bezeichnet, aber wohl als einen der größten deutschen Dichter, als Gesamtpersönlichkeit gesehen. Die Erklärung der Widersprüchlichkeiten gelingt Wolff nicht, da auch er nicht unbedingt Statuen vom Sockel stoßen möchte.

Spätestens mit der Biographie von Ludwig Marcuse "Heinrich Heine. Ein Leben zwischen Gestern und Morgen" beginnt die Phase der Biographien, die durch das Zuweisen eines unterschiedlichen Bedeutungswertes an Ereignisse aus Heines Jugend versuchen, den Dichter und sein Werk zu erklären. Die Biographie soll nun nicht mehr als wissenschaftliche Arbeit, sondern eher als eigenständiges literarisches Werk aufgefaßt werden. Von nun an gilt es, die originellste aber trotzdem schlüssige Interpretation der verschiedenen Begebenheiten aus Heines Leben zu finden: sind es die Erlebnisse aus Heines Kinderzeit, als der Kurfürst plötzlich sein Volk im Stich gelassen hat, die den Dichter prägen? Ist es der Wahnsinn des Vaters, die Abweisung durch die Cousine, das Versagen im kaufmännischen Beruf - oder vielmehr das Leiden unter dem aufgezwungenen kaufmännischen Beruf? Ist es das Verhältnis zur Mutter, sind es antisemitische Erlebnisse, das Ausgeschlossenwerden aus der Burschenschaft, sind es die Kopfschmerzen oder der reiche Onkel, usw. - es geht eigentlich nur noch darum, die Fakten unterschiedlich zu werten, ihnen einen anderen Stellenwert für Heines Schaffen zuzuweisen, als ein vorhergehender Autor getan hat. Marcuses Schwerpunkt liegt eindeutig auf den politischen Ereignissen, er politisiert das Leben und die Dichtung Heines.

1960 gönnt sich der Verlag Hoffmann und Campe eine weitere Heine-Biographie (dort war schon mehr als 100 Jahre früher Meißner erschienen). Carl Brinitzer schreibt "Heinrich Heine. Roman seines Lebens." und versucht, auch dem Nicht-Wissenschaftler in einem angenehmen Erzählstil mit mehr oder weniger fiktiven Nebenfiguren Heines Leben nahezubringen - die Frage nach Dichtung und Wahrheit stellt sich im Falle von Heine ja ohnehin bei allen Äußerungen zu seinem Leben, mögen sie nun romanhaft sein, wissenschaftlich oder gar vom Dichter selbst.

Walter Wadepuhls "Heinrich Heine. Sein Leben und seine Werke" (1974) darf nicht unerwähnt bleiben: schließlich begann Wadepuhl seine Arbeit zu Heine mit Material, welches von Ernst Elster gesammelt worden war, nicht unbedingt aus eigenem Antrieb, sondern weil man ihn darum gebeten hatte und er ohnehin - er war jahrelang arbeitslos - nichts anderes zu tun hatte. Wadepuhl meint, mit allen Widersprüchen im Leben Heines endgültig aufgeräumt zu haben. Dies ist stark anzuzweifeln, nur kurz ein Beispiel aus den Harmonisierungsbestrebungen Wadepuhls: um die Frage nach den unterschiedlich angegebenen Geburtsdaten Heines zu lösen, setzt Wadepuhl die Theorie von Heines vorehelicher Geburt in die Welt; durch das falsche Datum wäre diese Schande aus dem Weg geräumt gewesen; abgesehen davon, daß er diese These nur spekulativ beweisen kann, wird damit zwar ein Widerspruch ausgeräumt, viele weitere jedoch erst geschaffen.

Die Widersprüchlichkeiten in Heines Leben hatten es den Biographen immer schon angetan. Jeffrey L. Sammons schreibt 1979 "Heinrich Heine. A modern biography"; er sieht die ersten Gegensätze schon in Heines Eltern, legt einen großen Schwerpunkt auf Heines Studienzeit und seine zahlreichen Reisen und arbeitet besonders in den Pariser Jahren Widersprüche heraus, etwa Heines zahlreiche Aktienspekulationen bei gleichzeitiger Freundschaft mit Karl Marx.

Nach diesem sehr kurzen Überblick stellt sich die Frage, welche neuen Sichtweisen man heutzutage überhaupt noch anbringen kann.

 

Hädecke und Raddatz


Wolfgang Hädecke

Beginnen wir mit " Hädecke’s "Heinrich Heine. Eine Biographie" aus dem Jahr 1985, als virtueller Ausgangspunkt aller aktuellen Darstellungen. Hädecke bezieht sich im Laufe seiner Darstellung auf so ziemlich alle Heine-Biographien, welche zur Entstehungszeit seiner Arbeit verfügbar waren; auch die romanhaften Darstellungen von Schriftstellern bezieht er als Quellen mit ein, wie etwa Lew Kopelews "Ein Dichter kam vom Rhein. Heinrich Heines Leben und LeidenBerlin 1981), dessen Untertitel vor allem für Hädecke Programm gewesen zu sein scheint. Hädeckes Arbeit kann als der Versuch bezeichnet werden, anhand von Selbstdarstellungen in Briefen, anhand der Werke Heines und anhand der Überprüfung der Selbstdarstellung durch Dokumente das Leben und die Persönlichkeit Heines zu rekonstruieren. Das ist nichts Neues, das taten auch schon die anderen. Hädecke läßt jedoch ein Psychogramm Heines entstehen und scheint ganz genau zu wissen, was oder wer den Dichter gekränkt hat, und wir stellen fest, daß Heines Leben anscheinend nur aus Negativerfahrungen bestand.

So schreibt Hädecke denn auch eine Krankengeschichte: Heine, der arme, kranke Dichter, der ständig Kopfschmerzen hatte, dessen körperliche Leiden aber von niemandem - außer ihm selbst - so richtig ernst genommen wurden. Für Hädecke scheint es unbestritten, daß Heines zahlreiche Badereisen kein überflüssiger Luxus sind, sondern er sie dringend für seine tatsächlich angegriffene Gesundheit benötigte. Heine ist für ihn der körperlich Kranke, der durch die zahlreichen Zurückweisungen in seinem Leben auch seelisch krank wird. Der Dichter ist tapfer, indem er jahrelang auf der Matratze leidet und siecht und nicht aufgibt. Der Dichter ist tapfer, weil er allen Verkennungen ungebrochen trotzt. Carl Heine, der Erbe Salomons, bringt Heinrich indirekt um, indem er erkennt, daß er - um üble Nachrede in irgendwelchen Werken des Dichters zu verhindern - diesen lediglich gesundheitlich ruinieren muß, was Carl mühelos gelingt. Ein Kriminalfall? Carl Heine der Mörder Heinrich Heines?

Hädecke gibt Heine indirekt recht, wenn dieser davon ausgeht, der Onkel Salomon sei verpflichtet, ihn finanziell zu unterstützen. Heines Liebe zur Cousine ist eine echte und wahre ohne Hintergedanken.

Im Gegensatz zu dieser Darstellung muß von den neuesten Biographien wohl als erste Raddatz erwähnt werden. Die Biographie von Raddatz kann insofern als kritisch bezeichnet werden, als sie nicht mehr das Bild des armen verfolgten Dichters malt, sondern durchaus die negativen Seiten von Heines Persönlichkeit betont; dies geschah zwar schon früher, jedoch waren es meist politisch motivierte Darstellungen, die eher versuchten, Heine als Dichter zu deklassieren und ihn aufgrund politischer Äußerungen zu diffamieren.

Raddatz geht anders vor. Raddatz will vor allem ein Buch verkaufen und hat erkannt, daß der Unterhaltungswert zählt und nicht so sehr die akribische Faktentreue.Er ist Journalist und beschäftigt sich mit dem Journalisten Heine. Heine wird als jemand beschrieben, der um sich herum eine inszenierte Welt schafft: er verändert sein Geburtsdatum, verändert die Namen seiner Angebeteten und schließlich auch den eigenen, er ist ein Muster der Übertreibung und Fälschung, und damit eine für die heutige Zeit sehr interessante und moderne Persönlichkeit.

Raddatz stellt berechtigte Fragen, zum Beispiel aufgrund welcher Tatsache Onkel Salomon verpflichtet gewesen sein sollte, seinen nichtsnutzigen Neffen, der nicht arbeitet, sein Leben lang zu unterstützen. Insofern ist die Arbeit von Raddatz vor allem eine Revidierung der negativen Darstellungen von Salomon und Carl Heine.


Fritz Raddatz

Raddatz untersucht Heines journalistische Praktiken und lobt, daß dieser zum Beispiel selbst in die Gruben eingefahren war, als er einen Bericht über das Leben von Bergarbeitern verfaßt hatte; so wird Heine zum Begründer des modernen Journalismus. Allerdings ist Heine für Raddatz auch der Begründer des Gossenjournalismus, da er seine Feinde unjd Gegner grundsätzlich mit Berichten, welche diffamierend unter die Gürtellinie gingen, bekämpfte; Börne unterstellte er ein Verhältnis mit der Frau seines Verlegers, im Fall Platen spielte er auf Homosexualität an. Beide journalistische Vorgehensweisen soll es vor Heine nicht gegeben haben. Es ist schade, daß sich Raddatz aber genau dieses Gossenjournalismus bedient, wenn er versucht, Heine kritisch zu sehen. Es ist, als ober eine Fortsetzungsreihe für die Bild-Zeitung verfaßt hätte, da er mit Heine nicht anders umgeht als Heine mit Börne oder Platen.

Heines Geldprobleme, welche bei Hädecke schwerpunktmäßig als reale Geldsorgen und finanzielle Anhämgigkeit vom geizigen Onkel dargestellt werden, stellt Raddatz in einem anderen Lichte dar: Heine habe Geld, welches ihm rechtlich eigentlich gar nicht zustand, sondern welches er als freiwillige Spende erhielt, in Glücksspiel und Aktien verlor und deshalb tatsächlich immer unter Geldsorgen litt - hätte er allerdings nicht gespielt wäre er nicht arm gewesen. Für Raddatz ist Heine nicht politisch aufrichtig, sondern er biegt sich in die Richtung, in die er Vorteile hat; deshalbdie Zahlungen von Rothschild und vom französischen Staat. Raddatz versucht, Heine zu entpolitisieren, indem er eine andere Lesart von "Denk ich an Deutschland in der Nacht...." vorschlägt. Es seien nicht die politischen Verhältnisse, die dem Dichter den Schlaf rauben, sondern die Sorge um die Mutter, nachdem er unmittelbar zuvor gerade vom verheerenden Brand in Hamburg erfahren hat.

Schon äußerlich unterschieden sich die Bücher von Hädecke und Raddatz enorm: stellt Hädecke ein Bild des Dichters voran, welches ihn eher blaß mit einem irgendwie verspannten Gesichtsausdruck - wie unter Schmerzen - zeigt, ziert den Cover von Raddatz’ Buch ein eher verfremdetes Bild eines nicht unbedingt sympathischen Antlitzes. Hädecke ordnet streng chronologisch unter Überschriften, die versuchen, den inhaltlichen Schwerpunkt neutral zusammenzufassen. Raddatz’ Überschriften sind Programm, Schlagzeilen, zum Beispiel"Sexualisierter Klassenkampf", "Die Großmacht Heine gibt sich eine eigene Verfassung" oder "Eine kranke Weltmacht in der Rue d’ Amsterdam". A propos Krankheit: Raddatz interessiert sie nicht, für ihn hat der Dichter keine Kopfschmerzen, er ist höchstens neurotisch. Die Krankheit wird erst Thema, als sie den Dichter definitiv ans Bett fesselt. Und auch hier ist weniger die Rede vom Leiden, als davon, wie Heine es verstand, sich in der Zeit der Krankheit aufgrund des angeblich überempfindlichen Magens von den allerfeinsten Delikatessen zu ernähren, wie ein Fürst.

Man mag das Buch von Raddatz tendenziös, reisserisch oder radikal nennen - eines ist es allemal, nämlich kurzweiliger zu lesen als Hädecke, der seine Dokumente und Fakten ausführlich gegen andere Lesarten verteidigt, als handle es sich um die Verteidigung seiner Doktorarbeit. Dennoch kann Raddatz das Heiligtum nicht vom Sockel stoßen, und so ist man eher verärgert darüber, daß er es stattdessen eher feige mit Graffities beschmiert.

Heine-Biographien - wieviele Fortsetzungen?

Die Positionen der übrigen Neuerscheinungen können kürzer zusammengefaßt werden. Höhnes "Heine-Handbuch" kann man als Gebrauchsanweisung zur Handhabung des Dichters verstehen. Die überarbeitete Neuauflage des bereits 1987 erschienen Buches soll wohl die Popularität Heines in diesem speziellen Jahr nutzen und dem Verlag Metzler weitere Einnahmen bringen - anscheinend vertraute man Kruse’s Biographie im Verlag zu wenig. Höhne geht streng wissenschaftlich vor, was sich schon in den vorgeschalteten Einleitungen von 1987 und 1997 zeigt, ebenso durch ein Verzeichnis der Siglen und Abkürzungen. Ausführlich analysiert Höhne den literarischen Markt zu Heines Zeit, und aus soziohistorischer Sicht die Situation für die gebildeten Schichten, die Künstler und die Juden in Deutschland, auch wenn für diesen Themenkreis nur etwa 40 Seiten zur Verfügung stehen. Höhne verzichtet völlig auf Anekdoten und Deutungen des Dichterlebens, sondern stellt eine Biographie anhand der Werke Heines zusammen: er analysiert nicht nur die verschiedenen Werke, sondern betrachtet grundsätzliche Unterschiede in den Heine-Ausgaben des 19. Und 20. Jahrhunderts. Zeittafel, Literaturhinweise und eine Wirkungsgeschichte sind angeschlossen. Ein solides wissenschaftliches Werk.

Kruse versucht vor allem, Heine als Kind seiner Zeit und der ihn umgebenden sozialen und historischen Verhältnisse zu sehen. Heine wird so zum Mittelpunkt einer Epoche, die er Heine-Zeit nennt, und man könnte sagen, daß Kruse auch die Zeitepoche zu deuten versucht, indem er von Heine als sinnstiftendem Zentrum ausgeht. Wohl aus aktuellem Anlaß wird Heine auch in einen gesamteuropäischen Kontext gestellt; zwar geht Kruse nicht soweit, Heine nun zum Sinnstifter für ganz Europa zu machen, Tendenzen in dieser Richtung sind jedoch zu spüren. Als Person Heines zeigt Kruse uns eher den Lebemann, der gerne reist und gut ißt, als den gesundheitlich angegriffenen Verfolgten.

 

Bleibt noch Trilse-Finkelstein, der durch seine Widmung des Buches an die 27 Shoah-Opfer seiner Familie seine Arbeit von vorneherein in den Kontext des aufgrund seiner jüdischen Herkunft verfolgten Dichters stellt. Trilse-Finkelstein veröffentlichte bereits 1984 eine Bildbiographie Heines, in welcher dem jüdischen Aspekt sehr wenig Platz eingeräumt worden war; nun nutzt er die Gelegenheit zur Schließung dieser Lücken. Das besondere an dieser Biographie ist aber meines Erachtens nicht so sehr der inhaltliche Aspekt, sondern daß ihr Verfasser sich die Frage gestellt hat, wozu er eigentlich eine neue Biographie neben die Massen der bereits erschienenen Werke stellen möchte. Es ist im Grunde eine sehr persönliche Rechtfertigung, nämlich aus Trilse-Finkelsteins eigener Biographie heraus, da seine Eltern bei der Vertreibung aus Nazi-Deutschland Heines "Romanzero" als eines der wenigen Werke mitgenommen hatten und Heine sich von da an aus Trilse-Finkelsteins Leben nicht mehr wegdenken ließ, er ihn als Dichter ständig begleitete, bis er schließlich an der Heine-Säkularausgabe in Weimar mit arbeitete und das Gefühl hatte "als hätte ich das letzte Wort zu diesem Thema meines Lebens noch nicht gesagt".

Zwischendrin stellt sich ein paar mal der Verdacht ein, daß der Autor die eigene Biographie teilweise mit der Heines identifiziert - so gibt es Momente in Trilse-Finkelsteins Leben, wo er sich aufgrund seiner jüdischen Herkunft zurückgesetzt fühlte oder es tatsächlich war; diese Momente in Heines Leben sind auch in Trilse-Finkelsteins Buch wichtig, wesentlich neue inhaltliche Aspekte zum jüdischen Heine bringt es meines Erachtens nicht.

Heine, der seine eigene Biographie drehte und wendete wie sie im gerade ins Bild paßte, nach Belieben Gerüchte über sich in die Welt setzte, historische Tatsachen in einer für ihn passenden Richtung deutete, Daten und Namen und Beziehungen fälschte und am meisten damit erreichte, indem er mit einer Autobiographie - genannt Memoiren - drohte, die er tatsächlich nie verfaßt hatte, brauchte nach allen Skandalen, die er ausgelöst hatte, keine Autobiographie mehr zu verfassen. Er hat erreicht, was er wollte: publicity und die Tatasche, daß eine Unmenge von Leuten sich nun an das machen, was er selbst verweigerte, nämlich die Geschichte seines Lebens zu schreiben. Somit hat er erreicht, was ihm vielleicht mit einer Autobiographie nie gelungen wäre, nämlich im ständigen Gespräch zu bleiben.

Welchen Sinn die zahlreichen Biographien machen, kann nur polemisierend beantwortet werden: Wissenschaftler verschaffen sich auf Kosten Heines Ruhm und Ehre, die deutschen Verlage und Buichhandlungen machen Umsatz und Studenten bekommen Themen für Hausarbeiten. Und sogar Wissenschaftler aus anderen Disziplinen können beschäftigt werden: man beachte die jüngsten Diskussionen auf Wissenschaftsseiten führender deutscher Tageszeitungen, wonach Mediziner nun festgestellt hätten, Heine wäre an Bleivergiftung gestorben und nun bräuchte man nur noch mit Hilfe von Kriminologen nach den Tätern suchen.

Heine ist schon längst zur Legende geworden - und als solche sollte man ihn vielleihct auch stehen lassen.

 

 

 

FEL