KUTATÁS

Albrecht Betz   

Humanistischer Rebell

Jacques Decour (1910 – 1942) 

2023.12.18.

Als seine Übersetzung von Goethes Triumph der Empfindsamkeit in der Pléiade- Ausgabe von Goethes Theater erscheint, im November 1942, ist Jacques Decour bereits seit einem halben Jahr tot: die Brigade Spéciale der Pariser Polizei hatte ihn am 17. Februar - gemeinsam mit seinem Freund, dem Philosophen Georges Politzer - verhaftet und ihn am 20. März der deutschen Besatzungsmacht, genauer: deren Repressionsorganen übergeben. Ähnlich erging es dem Dritten im Bunde, dem Physiker Jacques Solomon. Gemeinsam mit anderen Widerständlern wurden sie Ende Mai auf dem Mont Valérien exekutiert: drei junge Intellektuelle, ein heroisches Trio der Résistance, Patrioten, deren Kommunismus im Antifaschismus wurzelte.

Während der Monate der Gefangenschaft zuvor hatten sie - um den abstoßenden Euphemismus der Nazi-Verwaltung zu zitieren – als „Sühnepersonen“ gegolten; eine Art otage en réserve, Individuen, die im Zuge von „Gegenmaßnahmen“ angesichts zunehmender Attentate hingerichtet wurden. - Daß der Goetheaner Jacques Decour , der sich sein kurzes Leben lang entgegen allen politischen Widrigkeiten für deutsche Literatur und Sprache engagierte, just von Deutschen füsiliert wurde, gehört zu den tragischen Paradoxien der Epoche. Ein hochbegabter Mittler zwischen Frankreich und Deutschland, ein Germanist, dessen Leben und Produktion - als Autor, Übersetzer, Deutsch-Lehrer und Publizist - mit 32 Jahren brutal zuende gebracht wurde von den Okkupanten und der auf dem Peloton hätte ausrufen können: „Dummköpfe, ich sterbe für euch!“[1]

Auch sonst ballen sich im Frühjahr 1942 die Widersprüche. Das Dritte Reich ist auf dem Gipfel seiner Macht und demonstriert sie auch in Paris. Im März wird in der Salle Wagram die aufwendig inszenierte Propaganda-Ausstellung „Le Bolchévisme contre l’Europe“ eröffnet; im Mai folgt in der Orangerie, gleichsam als arischer Gegenpart, die (von Cocteau begrüßte) große Arno- Breker-Ausstellung.

In der Übersetzung von Maurice Betz erscheint der erste Teil von Ernst Jüngers Kriegs-Tagebuch „Gärten und Straßen“, mit starker Resonanz im literarischen Milieu. Ende des Monats beweist die Nachricht vom tödlichen Attentat auf Heydrich in Prag, daß die Nazi-Herrschaft nicht unangreifbar ist. In der besetzten Zone wird das Tragen des gelben Sterns für Juden obligatorisch. Die neue Regierung Laval intensiviert die Kollaboration.

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Am Morgen des 30. Mai schreibt Jacques Decour (né Daniel Decourdemanche) den Abschiedsbrief an seine Eltern. Darin heißt es gegen Schluß: „ ... laßt meine Schüler der Première durch meinen Vertreter sagen, daß ich sehr an die letzte Szene des Egmont gedacht habe...“ Ausgewählt - und mit den Schülern der Première des Lycée Rollin übersetzt und interpretiert - hatte er Goethes Drama eines Freiheitshelden nicht von ungefähr; bereits im Vorjahr hatte er mit ihnen Schillers Wilhelm Tell studiert: Helden des Widerstands beide in einer Situation äußerster Bedrückung, mit ihrem  Beispiel Hoffnung gebend: Mut und Verachtung der Gefahr – in der Gewißheit, daß die Geschichte á la longue ihnen, und nicht den Usurpatoren (im Stück den Spaniern), Recht geben und die Freiheit am Ende triumphieren würde.

Die Passagen aus Egmonts Schlußmonolog, auf die Decour in seinem Brief anspielt, konnten von seinen Schülern unmittelbar auf ihre Gegenwart bezogen, und so die Klassik und der Humanismus aktualisiert, von Gips befreit werden:

 

       „Und wie das Meer durch eure Dämme bricht, so brecht, so reißt

        den Wall der Tyrannei zusammen und schwemmt ersäufend sie

        von ihrem Grunde, den sie sich anmaßt, hinweg!

        ...

        Auch ich schreite einem ehrenvollen Tode aus diesem Kerker entgegen,

        ich sterbe für die Freiheit, für die ich lebte und focht

        und der ich mich jetzt leidend opfre.

        ...

        (auf die Wache zeigend): Und diese treibt ein hohles Wort des Herrschers,

        nicht ihr Gemüt ... euer Liebstes zu erretten, fallt freudig,

        wie ich euch ein Beispiel gebe.“

 

Dieses „Comme je vous en donne l’exemple“, eher humanistisch als christlich geprägter Aufruf zur Nachfolge, zur imitatio, wurde später auch Titel von Aragons schmalem  Nachruf-Band .[2]

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Übersetzen, das Sich-bewegen zwischen verschiedenen Ausdrucksweisen, Rhythmen und Metaphern, kurz: die Eroberung und Assimilation einer anderen

Kultur durch die Aneignung ihrer Sprache und Literatur, wird für den jungen agrégé und Deutschlehrer zur täglichen Praxis. Was Decour künftig seinen Gymnasiasten mit Enthusiasmus zu vermitteln sucht, ist die spezifisch deutsche Färbung des Humanismus . Die idealistische - und holistische -  Dimension kann aber nicht kritiklos bewundert werden; komplementär fruchtbar wird sie vielmehr im Kontrast zu französischem Rationalismus; Sensualismus und skeptischem Denken.

 

Die erste Übersetzung des 19jährigen Germanistik-Studenten wird bereits in einem großen Blatt (Le Temps)[3] gedruckt. Es ist die einer in Deutschland populären Novelle Theodor Storms, eines realistischen Erzählers des 19. Jahrhunderts: Immensee. Ein erster Übersetzungsauftrag eines Sachbuchs folgt 1932: Les Dessous de la Diplomatie, ein Bericht über die Rolle der Geheimdienste (Montaigne-Aubier). Auch die künftigen Übersetzungen (mit Ausnahme der Goethes) zeichnet er mit seinem Geburtsnamen Daniel Decourdemanche; für die literarische Produktion der 1930er Jahre verkürzt er seinen Autorennamen hingegen zu Jacques Decour. Seine frühen Romane gefallen einer einflußreichen Person im Verlag Gallimard, die sein väterlicher Freund und Mentor werden wird und zugleich eine bedeutende Gestalt der intellektuellen Résistance: Jean Paulhan.

Es ist ein chronologischer Glücksfall, daß der junge Austauschlehrer Decour unmittelbar nach den Reichstagswahlen vom Herbst 1930 für ein halbes Jahr nach Deutschland entsandt wird. Die Auswirkungen des politischen Rechtsrucks (die Nazis verzehnfachen die Zahl ihrer Mandate im Reichstag) erlebt und beschreibt er - atmosphärisch und ganz real – in der Provinz. Magdeburg, an dessen Domgymnasium er unterrichtet, wird in seinem Bericht zu „Philisterburg“: Porträt  einer mittelgroßen Stadt, in der die krisenbedrohten Kleinbürger sich immer mehr für Nationalismus und Nazismus empfänglich zeigen. Decour ist um Objektivität bemüht, gleichwohl spürt der Leser, wie oft der junge Franzose sich zügeln muß , um angesichts der umgebenden Spießigkeit die Satire nicht zu schreiben. Dennoch findet Philisterburg, als der schmale Band 1932 in Paris erscheint, unter den bien-pensants wenig Freunde.[4]

Für Decour bedeutet der Deutschlandaufenthalt einen Realitätsschock, der ihm die Augen öffnet: dem humanistischen Deutschland der großen Gestalten wie Lessing und Herder, Goethe und Heine, steht - spätestens seit der Reichs-gründung - eines gegenüber , das anfällig ist für Chauvinismus und

 

Militarismus, für autoritäre Disziplinierung und Großmachtgehabe. Es ist durchaus gefährdet, in Irrationalismus und Barbarei abzugleiten.

Dieses image hatte, seit Bismarck, das Deutschland der „Dichter und Denker“ - jenes von Mme de Stael geprägte idyllische Bild[5] – zu überlagern begonnen. Diese Bipolarität hat Decour künftig vor Augen, vor allem als das Goethe-Jahr 1932[6]  vom Hitler-Jahr 1933 abgelöst wird. Auch wenn er sie nicht ausdrücklich erwähnt: die beiden Städtenamen, wichtige Erinnerungsorte, die für diese Polarität standen, waren Weimar und Potsdam; verkürzt: Geist und Schwert. Weimar, Ort der Blüteperiode der deutschen Klassik, war der kulturelle Ehrenpunkt des bürgerlichen Deutschland gewesen. Potsdam hingegen galt, vor allem Pazifisten, als historischer Ausgangsort und Kultstätte des deutschen Imperialismus.

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Als Decour 1933, im Alter von 23 Jahren, Vater wird und eine Familie zu ernähren hat, gilt es für ihn, das unzureichende Lehrergehalt zu ergänzen. Die  naheliegende Zusatzquelle heißt: Übersetzungshonorare. Da er noch über keine Reputation als Übersetzer verfügt, muß er die Texte annehmen, die ihm von den Verlagen angeboten werden. Das ist der Grund für ein - aus heutiger Sicht - Sammelsurium von Titeln.

Da sind zunächst zwei Studien zur Sexologie. Sodann mehrere Romane von Exil-Schriftstellern eher zweiten Rangs. Den Anfang macht Alfred Neumanns Roman eines Staatsstreichs. Die Jugend des Napoléon III. (1935). Es folgt ein Bestseller, den Decour an anderem Ort ironisch kommentiert: Vicki Baums Karriere der Doris Hart (1936). Daran schließt sich an: Der Sohn Hannibals von Louis Wolf (1938). Mit großer Verspätung, für die die Verlage verantwortlich sind, erscheinen - schon im Krieg - Die Geheimnisse des reifen Lebens von Hans Carossa (1940), worauf zurückzukommen ist. Ferner Wilhelm Worringers Studie Formprobleme der Gotik (1941) und schließlich Goethes Der  Triumph der Empfindsamkeit (1942).[7]

Für Zeitschriften übersetzt Decour, der gleichzeitig eine erhebliche Aktivität als Publizist und Kritiker entfalten wird, einen Text von Kleist (Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden (1936), zu Kriegsbeginn dann Heines Warnung an Frankreich (1939). Ohne Namensnennung, aus Sicherheitsgründen, übersetzt Decour schon zu Beginn der Okkupation einen Text seines Freundes und Mitkämpfers Georges Politzer aus dem Französischen ins Deutsche: eine analytische Abrechnung mit Alfred Rosenberg, dem

Chefideologen der Nazis, Révolution und Konterrevolution im XX. Jahrhundert (1941). Auf dem Titelblatt dieser scharfen Polemik, die auf einer Ronéo vervielfältigt wird und illegal an die deutschen Besatzer geleitet werden soll, liest man: Eine Antwort auf „Gold und Blut“.[8] Das war der Titel einer Rede Rosenbergs am 28. November 1940 im Pariser Abgeordnetenhaus, in der er das Ende der Ideen von 1789 und des westlichen Liberalismus verkündete. Natürlich mit rassistischen Konnotationen: das frische Blut des durch den Nationalsozialismus neugeborenen Deutschland werde die Welt erlösen von den degenerierten Mächten des Kapitals, der untergehenden Welt einer parasitären westlichen Finanzoligarchie. Die „Blitz“siege des letzten Jahres seien der Beweis für die Überlegenheit und den Elan der völkisch-vitalen Kräfte sowie die Richtung, in die die Weltgeschichte sich bewege.

Politzer und sein Übersetzer Decour hatten leichtes Spiel, Rosenberg seine Pseudo-Wissenschaftlichkeit und seinen Obskurantismus vorzuhalten: seine mythisierende Vernebelung historischer Tatsachen, seinen Führerkult und seine Substitution des Begriffs der Klasse durch den der Rasse, etc.

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Welche Stationen und Parallelaktionen führten den literarisch ambitionierten Germanisten, den für seine genaue Sprache geschätzten Übersetzer  und bei seinen Schülern beliebten Deutschlehrer in die Résistance ? Mitten in seiner ersten beruflichen Phase - Unterricht am Gymnasium in Reims (1932-1936) - beteiligt sich der junge Antifaschist Decour bereits am „Comité de vigilance des intellectuels et artistes“, einem Zweig der AEAR („Association des Écrivains et Artiste révolutionnaires“). Nach dem Sieg der Volksfront wird er im Herbst 1936 Mitglied der Kommunist-ischen Partei (PCF). Für das Schuljahr 1936/37 wird er an das Gymnasium Descartes in Tours versetzt, gründet die Maison de la culture de Tours und den Filmclub Ciné-Liberté, liefert Artikel für die Voix du Peuple de Touraine und macht sich einen Namen in der Partei. Schließlich, im Herbst 1937, gelingt ihm die Versetzung nach Paris: ernannt am Lycée Rollin, wird er dort bis zu seiner Verhaftung, 1942, unterrichten. 6)

Ebenfalls 1937 begeht Frankreich den Tricentenaire des Discours de la methode von Descartes. Tenor der Kommemorationen, vor allem der politischen Linken, ist: Rationalismus, Klarheit, methodisches Denken und Eigenverantwor-tung sind Kernbestand des französischen Geistes. Die Philosophen der Lumières hätten die Fackel weitergetragen - Richtung 1789 - ; der humanistische, emanzipatorische Anspruch der Menschenrechte bedürfe zu seiner Erfüllung in der Gegenwart des Kampfes für soziale Gerechtigkeit. Wirklicher Fortschritt sei weithin identisch mit dem Abbau gesellschaftlicher Ungleichheiten, der Ver-änderung der ökonomischen Basis, der Eigentumsverhältnisse.

Es ist offenbar die Grundüberzeugung vieler PCF-Mitglieder, daß der angestrebte Kommunismus den realen Humanismus verwirkliche, die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen abschaffe, daß er die Selbstbestimmung und die Anerkennung eines jeden erlauben werde. Wie utopisch auch immer diese Hoffnungen im Frankreich der 1930er Jahre, einem Jahrzehnt permanenter Krise, erscheinen: Decour hält an ihnen als Fernziel fest, was ihm erlaubt, die enormen Widersprüche der „eigenen“ Seite zu beschweigen. Um drei von ihnen, die kontrovers und mit massiver Polemik in den Medien diskutiert werden, zu nennen:

         die Rolle der die P.O.U.M. bekämpfenden Stalinisten im Spanischen Bürgerkrieg;

         die Moskauer Prozesse;

         der Hitler-Stalin-Pakt.

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Auf Initiative von Aragon wird Decour im Herbst 1938 - bis zum Kriegsausbruch im September 1939 - Chefredakteur der Monatsschrift Commune, die Aragon und Romain Rolland gemeinsam herausgeben. Sie ist das Kulturorgan des PCF und verfügt  - im Vergleich zu ihren überwiegend politischen Organen - über einen breiteren inhaltlichen Spielraum. Den nutzt Decour, um schon im Februar 1939 entgegen der in Frankreich und Europa herrschenden Atmosphäre ein Heft herauszubringen, das den deutschen Humanismus zelebriert. Er bestimmt ihn so: „C’est une foi rationelle dans la valeur et la dignité de l’homme, un respect civilisé de sa liberté, un culte militant de sa raison.“ Man spürt diesen einleitenden Sätzen an, daß ihr Autor, Decour, das gute, das „andere“ Deutschland als ebenfalls vernunftgeleitet in die geistige Nachbarschaft integrieren möchte. Daß es seit der Renaissance existiert, steht für ihn außer Frage; seit 1933 aber ist es ins Exil gezwungen. Eine starke Gegenströmung gab es immer, erinnert Decour: „L’Allemagne est  heritière de deux traditions opposées, celle du glaive et celle de l’esprit.“ Aber: „tous les grands esprits que l’Allemagne a donné ont été des humanistes qui ont su parler un langage foncièrement allemand et universel à la fois.“ [9]

 

Den ersten Auftritt nach seiner Einleitung des Hefts reserviert Decour seinem Favoriten ( und berühmtesten deutschen Emigranten in Paris ein Jahrhundert zuvor) Heinrich Heine; von ihm übersetzt er Passagen zum deutsch-französischen Verhältnis, mit Heines Luzidität, seinem bei allem emanzipatorischen Elan stets ironisch-skeptischen Blick auf die Dinge fühlt er sich wahlverwandt. Bei der Auswahl der jüngsten Texte aktueller Exil-Schriftsteller - von Heinrich Mann („Ansprache Henri Quatres“ aus dem gleichnamigen historischen Roman), von Thomas Mann (ein Auszug seines Goethe-Romans „Lotte in Weimar“), von Brecht (Szenen aus „Furcht und Elend de Dritten Reichs“) und einem Kapitel aus Feuchtwangers Roman „Exil“ - kommen Decour die eigene Praxis als Autor wie als Übersetzer gleichermaßen zustatten. Im zweiten Teil dieser wichtigen Februarnummer folgen - entsprechend der bipolaren Unterscheidung des Beginns - Analysen der Nazi-Ideologie , der Brutalität des Rassismus und der inszenierten Kristallnacht.

Zu ergänzen ist, daß Decour in Paris auch eine öffentliche Veranstaltung mit Exil-Schriftstellern organisiert: mit, unter anderen, Alfred Döblin, Anna Seghers, Ludwig Marcuse und Franz Werfel.[10]

 

Im Herbst des „schwarzen Jahres“ 1940, dem Jahr der grande débàcle und des Beginns der Okkupation, beginnt das Freundestrio der drei kommunistischen Intellektuellen Decour, Politzer, Solomon seine Widerstandsarbeit mit der Vorbereitung eines ersten Titels der illegalen Kampfpresse: L’Université libre. Folgen werden, im Februar 1941, La Pensée libre und ,vorgesehen für Februar 1942, Les Lettres francaises. Wie erwähnt, werden die Freunde Mitte Februar verhaftet. Die erste Nummer der Lettres francaises kann erst im September erscheinen, zeitgleich mit Vercors’ Schweigen des Meeres, dem ersten Band der Éditions de Minuit.[11]

Die Übersetzungen Decours, die jetzt noch erscheinen, wurden alle vor dem Krieg abgeschlossen, auch jene der Geheimnisse des reifen Lebens von Hans Carossa, deren Wahl im Rückblick erstaunt. Denn der bürgerlich-konservative

 

Arzt Carossa, unpolitischer Autor einer „heilen Welt“, ließ sich von den Nazis mißbrauchen und von Goebbels zum Präsidenten eines Europäischen Schrift-stellerverbandes ernennen: als Gegenpol zum Internationalen PEN-Club. Carossas autobiographisches Buch war jedoch schon 1936 erschienen, als er sich noch nicht kompromittiert hatte. Jetzt diente er, politisch naiv, dem neuen Regime als Feigenblatt.

Niemand hatte das vor dem Krieg voraussehen könne, auch nicht daß Goebbels die kollaborationsbereiten Autoren der besetzten Länder zu ihrem ersten Treffen in die Goethestadt Weimar einlud. Es muß Decour maßlos empört haben, daß namhafte französischen Autoren der Einladung Goebbels’ im Oktober 1941 Folge leisteten.[12]  Umso mehr, als zu Goethe - der den Begriff Weltliteratur gegen den literarischen Nationalismus geprägt hatte – nun in Decours Augen  käufliche „Verräter“ pilgerten, die sich aushalten ließen und wissen mußten, daß der Humanist Goethe sie verachtet hätte. Die Titel seiner Polemiken in der klandestinen Presse sprechen für sich:

Lettre ouverte...aux anciens écrivains francais, Écrivains en chemise brune, La faune de la collaboration: L’Allemagne de Goethe condamne l’Allemagne de Hitler. [13]

Die klare Trennung dieser beiden Deutschland ist für Decour zentral. Suchte man nach einem gemeinsamen Nenner für seine sarkastischen Texte und ihren polemischen Biß, ihre Frontstellung gegen den Obskurantismus, der sich auch in Frankreich verbreitet, so müßte er heißen:

Gegen die intellektuelle Kollaboration !

Der Germanist und Übersetzer spürt das Falsche in der neuen Bedeutung des Begriffs: der Schleier der Partnerschaft verhüllt die Akzeptanz der Unterwerfung. Die Intellektuellen, die dieses Wort und seine Aura positiv benutzen, sind sprachliche Falschmünzer: ihr Geld ist ein Amalgam unedler Metalle, die äußere Korrektheit dient der Täuschung. Sie profitieren davon, daßdas Kräftefeld in der Matrix der gesellschaftlichen Machtverhältnisse sich verschoben hat, neue Ungleichheiten entstanden sind, die sie - wie sich zeigt: vorübergehend - für dauerhaft halten.

                                                          *

Decour, dessen Gymnasium Rollin heute einen Namen trägt als den eines Märtyrers und großen Résistant, war sich der drohenden Gefahren und des Risikos durchaus bewußt. Nur um seiner Sicherheit willen zu leben hätte für ihn Ausweichen vor der Gewalt bedeutet und hätte seinen Humanismus durch Kompromiß beschädigt. Der Untergang des Helden war - wenn nicht vorprogrammiert - so doch wahrscheinlich. Das legte Decour am Ende die Identifikation mit einer klassischen Dramengestalt Goethes nahe: Egmont. Wie

er schätzt er seinen Tod positiv ein: er hat das Gefühl, daß er für die Freiheit seines Volkes stirbt. Decours letztes Bild in seinem Abschiedbrief ist das vom fallenden Blatt, das zu Humus wird: für künftige Regeneration.[14] Der Rebell, der ein Beispiel gibt.


[1] Zit. n. der exzellenten Biographie  von Pierre Favre: Jacques Decour. L’oublié des lettres francaises, Tours 2002 (farrago), S. 9.

[2] Johann Wolfgang Goethe, Berliner Ausgabe, Bd. 7, S. 583.

[3] Mme de Stael, deren „De l’Allemagne“ Decour als Germanist sicher kannte, hat Egmont als „la plus belle tragédie de Goethe“ eine mehrseitige Analyse gewidmet. Paris 1968 (Flammarion), S. 325-332.

[4] Gallimard, 1932. Philisterburg  erschien in deutscher Übersetzung von Stefan Rollinger erst 2014 in Berlin (Die Andere Bibliothek).

[5] Bereits Heine hatte kritisiert, sie  habe nur die kulturellen Gipfelleistungen im Blick und blende die deutschen Armenhäuser, Zuchthäuser und Freudenhäuser aus.

[6] Deutschland gedachte Goethes an seinem 100. Todestag.

[7] Die Angaben folgen der Bibliographie von Favre, s. Anm. 1, S.334 f.

[8] Politzer contre le nazisme. Écrits clandestins, Paris 1984 (Messidor/Éditions sociales), S. 156.

[9] Zit. n. Favre, S. 139.

[10] Vgl. die Chronik der Exil-Veranstaltungen in: Albrecht Betz, Exil et engagement. Les intellectuels allemands et la France, 1930-1940. Paris 1991 (Gallimard), S. 345 ff.

[11] Vgl. Anm. 8, die Einleitung von Roger Bourderon, S. 11-31.

[12] Dazu Francois Dufay, Un voyage en automne, Paris 2000 (Plon). Teilnehmer waren u.a. Drieu La Rochelle, Brasillach, Jouhandeau, Chardonne und Fernandez.

[13] Wiederabdruck in: Jacques Decour, La faune de la collaboration. Articles 1932-1942, Orange 2012 (La Thébaide), S. 205 ff.

[14] A.a.O., S. 338.

 

FEL