Endre Kiss 
Franz Kafkas geheimer Doubleur – Tibor Déry
2024.07.14.
Tibor Déry’s Roman Herr A.G. in X ist eine "Antiutopie" oder "Gegenutopie". Diese Bezeichnung löst jedoch noch keineswegs alle Probleme der typologischen Klassifizierung dieses Werkes.
![]() Tibor Déry |
Die strukturelle Logik des Romans waehlt einen originellen Pfad auf jenem breiten Wege, auf welchem der moderne Roman durch permanente und unaufhörliche Durchstrukturierung der eigenen Strategien und literarischen Mittel das atemberaubende Komplexitaetswachstum seiner Gegenstaende verfolgen will. Reformiert, wenn nicht gar neukonstruiert werden die Bewusstseinsdarstellungen, die Wertvorstellungen, die Narratologie und die Gestaltpoetik des traditionellen Romans, so ensteht unter anderen der neue Bewusstseinsroman, der polyhistorische Roman, der Doppelroman, der parabolistische Roman, der mythische Roman. um nur einige Spielarten hier konkret zu nennen.
Als eine in historischem Sinne spaete Realisation der wichtigsten romanpoetischen Tendenzen verwirklicht Déry’s Verfahren eines konkreten Konzeptes des schöpferischen Eklektizismus, indem es mehrere Protagonisten, bzw. Errungenschaften der strukturellen Revolution in eine neue Einheit aufhebt. Aber innerhalb der Vertreter dieser schöpferischen Eklektik verwirklicht dieser Roman eine eigentümliche Version, da er die bisherigen Errungenschaften und Ansaetze in speziellen Teil-Romanen zusammenfasst. Er baut – grob gesagt – eine lineare Reihe als Integration der früheren Konzepte aus. Er wendet ferner die bisher herausgearbeiteten Errungenschaften auch noch auf einen welthistorisch neuen Gegenstand, und zwar auf die Lebenswelt des realen Sozialismus, an. Ein weiterer spezifischer Zug von Déry’s neuer Romankonstruktion ist, dass er in der letzten Phase des Romans aus seiner eigenen, bis dahin betriebenen parabolistischen und negativ-utopischen Konstruktionsweise resolut heraustritt und dadurch seine negative Utopie als historisch-politischen Zeitroman abschliesst.
Die genaue Definition und die darauf aufbauende exakte Kategorisierung der einzelnen "Teil-Romane" ist auf mehrfache Weisen möglich.
Die Position und die strukturierte Funktion von drei "Teilromanen" scheint eindeutig zu sein (ebenso selbstverstaendlich die Rahmengeschichte des ganzen Romans, die die gesamte spaetere Linearitaet als fiktives Manuskript erscheinen laesst und dadurch das Gesicht des "wirklichen" und des "auktoriellen" Erzaehlers mit nicht unwesentlichen Zügen ausstattet).[1] Der erste Teilroman umfasst den auch schon an sich linear strukturierten Prozess der Ankunft des Protagonisten in die Stadt, sowie den Vorgang, wie er die Stadt kennenlernt. Dieser Teilroman wird weitgehend kafkaisch geschrieben. Hier übernimmt Déry die konstitutive Schreibtechnik von Kafka, vor allem die an sich von vielen reichen inhaltlichen Bezügen ausgestattete Schreibtechnik der "verletzten Erwartungen." Mit vielen Beispielen und mit exzellenter Geduld baut Déry vor unseren Augen die Lebenswelt der Stadt X auf, ohne die spontan entstehenden Lesererwartungen nach inhaltlichen Bestimmungen des Gesehenen zu befriedigen. Vereinfacht gesagt, Déry imitiert sehr erfolgreich diese Seite der Kafkaschen Schreibkunst. Der Leser sieht und erfaehrt eine grosse Anzahl von Ereignissen, ohne sie zu "verstehen", ohne dass der Autor (oder auch ein Protagonist des Romans) seine natürlichen Erwartungen inhaltlich ausfüllt. Auf diese Weise (natürlich aber auch durch die "Realitaetsvokabular" des Dargestellten) entsteht in der Tat eine genuin Kafkasche Atmosphaere.
Die typologische Zugehörigkeit des zweiten Teilromanes kann auch nicht problematisch sein. Die Dynamik der Ankunft und des Erkennens wird von der Statik des Da-Seins abgelöst, Franz Kafka’s gestörte Erwartungen werden von der vielschichtigen und analytischen Situationsbeschreibung von George Orwell fortgesetzt. Und letztlich kann der Abschluss des Romans als Teilroman auch nicht problematisch erscheinen, wir könnten ihn – abgekürzt und aktualisiert – auch den Roman des Jahres 1956 nennen. Wie angedeutet, in dem Teil landet die negative Utopie in einen konkreten Zeitroman.[2]
Die typologische Problematik enthaelt die letzten Bestimmungen der Romanpoetik von Tibor Déry mit exzeptioneller Eindeutigkeit. In seinen Romankonzepten übernimmt naemlich Déry transparente konzeptionelle Muster und will weder die Muster, noch die Tatsache der Übernahme, bzw. der Anleihe nicht verheimlichen. Er schafft aber gleichzeitig auch eine neue Situation, indem er diese Muster auf einer anderen Ebene schon als konzeptionelle Rahmen auffasst, die er dann durch ihre eigenen Visionen und Materialien ausfüllt, wodurch dann die konzeptionellen Vorbilder (sowohl einzeln, wie auch in ihrer strukturellen Einheit) auch dann ein neues Modell ausmachen, wenn ihre Ursprünge unveraendert sichtbar und erlebbar werden.
![]() Franz Kafka |
Selbst die Synthese und die Verbindung des Kafkaschen und des Orwellschen Teilromans wird bei Déry auf hohem Niveau gelöst. Die Kafka herausbeschwörende staendige Verletzung unserer Erwartungen verwirklicht eine tiefe Logik. Wie bei Kafka, werden auch hier jene Erwartungen von uns verletzt, die wir für evident und selbstverstaendlich halten. Im konkreten Fall werden jene Erwartungen von uns nicht erfüllt, die wir als Reaktionen der grundsaetzlichen menschlichen Primaerimpulse (Siegfried Kracauer) erwarten Das ist aber schon die spezifisch Dérysche Verwirklichung und Konkretisierung des nicht versteckten literarischen Vorbildes. Dadurch erschafft aber Déry seine spezifische Vision über das Leben in der Stadt G.! Déry zeigt also ein Leben, in dem im Alltag nicht die spezifisch menschlichen Primaerimpulse die Grundbefindlichkeiten und die Grundmotivationen ausmachen!
Genuin kafkaesk ist die Intonation von Tibor Déry’s Roman auch darin, dass der ganze Roman durch den Aether der unbestimmten Gegenstaendlichkeit der allumfassenden Macht bestrimmt wird.[3] In diesem Zusammenhang ist uns romanpoetisch nicht so sehr die blosse Existenz oder gar der angenommene Inhalt der Macht vom Interesse, sondern die Hermeneutik der Macht. Die Macht kann nur hermeneutisch angefasst und erforscht werden, denn ihre wahre Natur involviert ihre Unsichtbarkeit, die notwendige Unbestimmtheit ihrer Gegenstaendlichkeit. Die Macht existiert demzufolge nur hermeneutisch. Die Realitaet der Macht bleibt immer hermeneutisch. Bei Déry wird es auch klar, dass die Ontologie der Macht hermeneutisch und die Hermeneutik der Macht ontologisch ist. So wird auch die
Gegenstaendlichkeit des Romans hermeneutisch, d.h. in aesthetischem Sinne unbestimmt. So erscheint die Hermeneutik der Macht (bei Kafka wie bei Déry), d.h. die Suche nach Spuren und Beweisen der Macht selber ontologisch, das Leben besteht in der Suche nach jener Gesetze, die die Wirklichkeit (der Macht) konstituieren. Die Gegenstaendlichkeit der Macht erscheint also nur im Medium der Hermeneutik, waehrend ihre Ontologie, d.h. ihre Realitaetsgeltung trotzdem nie in Zweifel gezogen werden kann.
Viele Zeitgenossen mochten der Meinung gewesen sein, dass der sozialistische Realismus wegen ihrer konkreten literarischen Bestimmungen zu seiner Zeit letztlich eine "normale" Erscheinung war. Diese Einsicht, die ja auch von toleranten und wohlwollenden Menschen vertreten werden konnte, gründete sich zunaechst auf die Einsicht, dass diese Forderung in gegründeter und somit legitimer Relation zu den ideell-geistigen Vorstellungen des realen Sozialismus steht und eine solche Gesellschaftsform hat das Recht, seine Wertvorstellungen auch noch um den Preis der dichterischen Freiheit zur Geltung zu bringen. Konkretisiert wurde diese Einsicht durch die Hinweise auf Marx und Engels, aus deren Werke man mit hoher zitatologischer Kunst Texte herausnahm, die im naechsten Kongress des Schriftstellerverbandes für den weiteren Ausbau des sozialistischen Realismus in Anspruch zu nehmen war.
Hinter dieser Einsicht, die in den Inhalten und den Forderungen des sozialistischen Realismus letzten Endes ein normales Phaenomen erblickte, war auch noch jenes, an sich gewiss durchaus korrektes, Motiv, dass man nicht selten annahm, in einem Arbeiter- und Bauernstaat kann es legitim sein, dass die realistischen Arten der Literatur für Arbeiter und Bauer adaequater als schwerer verstehbare Schreibweisen in kulturrevolutionaerer Absicht propagiert werden.
Es ist nicht notwendig, dass wir diese beiden Argumente im einzelnen zerlegen und ihre Falschheit nachweisen. Vor allem ist es deshalb nicht notwendig, weil beide Argumente das Wesentliche des sozialistischen Realismus überhaupt nicht berühren. Aus diesem Grunde genügt es uns darauf hinzuweisen, dass weder aus Marx und Engels, noch selbst aus dem Gedankengut der II. Internationale die Umrisse und die Forderung des sozialistischen Realismus abzuleiten sind, noch stimmt es, dass Arbeiter und Bauer nur sozialistisch-realistische Literatur lesen können.
Jede bisherige Zensur, die aus der Geschichte zu kennen wir das Privileg haben, hat gegen gewisse Inhalte, oft nur (!) gegen einen einzigen Typus der Inhalte gekaempft. Wir kennen beispielsweise die Zensur vom Typus Puritanismus, die vom Typus der bürgerlichen Auffassung der subversiven Staatsfeindlichkeit und/oder andere Arten der Zensur. Jede solche Zensur hatte eine gewisse Ehrlichkeit und Durchsichtigkeit, weil sie gegen ganz gewisse, inhaltlich mehr oder weniger festlegbare, konkrete Grenzüberschreitungen losschlug und es auf diese Weise manchmal sogar auch auf ganz bürgerliche Art und sogar noch im Rahmen der bürgerlichen Gesellschaft selber ausgeübt werden konnte.
Im Vergleich zur "Genealogie der Zensur" brachte die verkündete sozialistische Realismus einen ganz neuen Stil, und zwar vor allem deshalb, weil ihm diese inhaltliche Bestimmtheit fehlte. Die auf Grund des Prinzips des sozialistischen Realismus funktionierende Kritik (Zensur) hat nie klargemacht, was ihr der zur Disqualifizierung hinreichende Stein des Anstosses ist. Diese Kritik (Zensur) zog die Realitaet, noch mehr, den Wirklichkeitsstatus des Geschriebenen in Zweifel. So erwies sich als Grund der Disqualifizierung nicht diese oder jene Einzelheit, die staatsfeindlich oder sittenverderbend wirken sollte, sondern über das Ganze des betreffenden Werkes wurde gesagt, es sei nicht real, d.h. nicht wirklich.
Diese noch nie dagewesene Zensur schuf in jeder relevanten Sicht völlig neue Situationen und Beziehungen. Vor allem vernichtete sie das einzig mögliche (und mit der Zeit sich durchsetzende) Argument jedes zensurierten Autors seit Ovid, indem sie es unmöglich machte, dass der Autor über den konkreten und inkriminierten Inhalt einfach sagt: "Vielleicht ist es wirklich staatsfeindlich (unsittlich, etc.), es ist aber in der Wirklichkeit so." Es versteht sich von selbst, dass "die Wirklichkeit" kein Argument mehr für einen attackierten Autor sein kann, wenn seine Realitaet "wie epistemologisch" insgesamt in Zweifel gezogen werden kann. Mit anderen Worten und wieder aus einer etwas anderen Perspektive aus gesehen geht es also darum, dass der Wirklichkeits- und Realitaetsstatus dessen in Zweifel gezogen wird, was geschrieben worden ist. Daraus folgt einerseits, dass man gegen so ein Urteil nicht polemisieren kann. Der ehemalige Autor könnte gesagt haben, das, was ich darstelle, mag staatsfeindlich (unsittlich, etc.) sein, solche Sachen existieren aber in der Wirklichkeit. Der von dem Dogma des sozialistischen Realismus in die Ecke getriebene Autor kann jedoch nicht mehr sagen, die von ihm dargestellte Welt im ganzen oder einige Einzelheiten von ihr seien "auch in der Wirklichkeit so", wie er es darstellte. Nein, die Realitaet dürfte im ganzen überhaupt nicht so gewesen sein, der Rang der Wirklichkeit ist ihm enteignet worden. Dies deformiert aber nicht nur die Kommunikation zwischen dem Autor und der Zensur, sondern auch zwischen der Kritik und dem Autor (die Kritik darf ja öffentlich nur Positionen des sozialistischen Realismus vertreten), aber auch zwischen dem Leser und dem Autor. Der Leser bekommt einerseits im Idealfall nur Werke zu lesen, die den Stempel des sozialistischen Realismus tragen, er kann im öffentlichen Diskurs aber auch über die Literatur nur die Sprache des sozialistischen Realismus gebrauchen. Die machtlogisch fixierte Möglichkeit, jedem beliebigen Entwurf der Wirklichkeit - mit Ausnahme jener, die den aktuellen Bedürfnissen des sozialistischen Realismus übereingestimmt haben - seinen Realitaetscharakter und Wirklichkeitsstatus zu nehmen, führte aber auch noch zu weiteren, man könnte sagen, anthropologischen Konsequenzen.
![]() Nikita Chrouschtschow |
Um Franz Kafkas zweiten Prozess gegen Josef St. und seinen sozialistischen Realismus zu verstehen, muss man die wahre Funktion dieses Begriffs innerhalb des geschlossenen "Schlosses" des realen Sozialismus verstehen. Diese Wesensbestimmung scheint uns wegen ihrer nur scheinbaren Banalitaet und der dahinter stehenden hohen Komplexitaet auch noch heute eine Aufgabe zu sein. Denn der sozialistische Realismus war der Deckname des bisher perfektesten Systems der literarischen Zensur. Die Kafka-Konferenz stand im Zeichen eines Erneuerungsdenkens des realen Sozialismus, welches als eine logische Fortsetzung und Konsequenz des Antistalinismus eines Nikita Chrouschtschow oder des Zwanzigsten Kongresses der KPdSU war. Es war also alles andere als inkonsequent, dass die Vertreter des Erneuerungsdenkens den sozialistischen Realismus in Griff bekommen wollten.
![]() Roger Garaudy |
"Kafkas Welt ist eins mit unserer Welt" - intoniert Garaudy den Grundton seiner Kafka-Analyse, die mit ganzheitlichen Feststellungen argumentiert. So wird Franz Kafkas Werk zum "Bild des Lebens", "in welchem Himmel und Erde eine einzige Welt ausmachen",[4] das aber gleichzeitig auch ein "Mythos" ist. Dieses "Bild des Lebens" ist im wesentlichen aber ein vielschichtiges Bild der menschlichen Entfremdung und als solches ist es die klare und genaue Bestaetigung des führenden Denkers der neomarxistischen Erneuerungsbewegung, naemlich des jungen Marx.[5] Denn Franz Kafkas Gestalten waren im Kapitalismus, in der bürgerlichen Welt entfremdet, in Österreich-Ungarn waren sie aber noch intensiver entfremdet.[6] Entfremdet war der Autor Franz Kafka als Jude, wo die Assoziationen auf den spaeteren Faschismus über Kafkas Werk aktualisiert werden konnten, aber entfremdet war Franz Kafka auch noch als Sohn (siehe den "Brief an den Vater"). Weitere Entfremdungsmöglichkeiten ergaben sich als Entfremdung im Bürokratismus, in dem Habsburger-Reich, bei Kafka aber auch als Beamter zwischen Versicherungsgesellschaft und Arbeitern entfremdet, nicht weniger aber als deutsch schreibender Jude in Prag. Nicht mehr der ausgebeutete Arbeiter stand im Zentrum der marxistischen Argumentation, sondern der hundertfach entfremdete "bürgerliche" Intellektuelle, dessen Existenz in der bürgerlichen Gesellschaft mit eiserner Notwendigkeit so tragisch sein muss, wie es in den Werken von Franz Kafka sich exemplarisch gezeigt hat.[7]
Es gibt praktisch keine einzige semantische Möglichkeit der neuen Sprache des neomarxistischen Erneuerungsdenkens, welche bei Ernst Fischer nicht thematisch wird. Das Motiv der Entfremdung konzentriert Ernst Fischer in die Summa, dass Franz Kafka ein "Genie der Schwaeche"[8] ist, das die "totale" Entfremdung des Menschen im zwanzigsten Jahrhundert ausdrückt. Fischer ist es auch, der den Realitaetsstatus der phantastischen Darstellung zurückplaediert, um Kafka vor der Ausgrenzung durch den sozialistischen Realismus in Schutz zu nehmen.
![]() Joszif Visszarionovics Sztálin |
Der Prozess für Kafka (und gegen Stalin) stellte aufgrund der bisherigen Überlegungen den sozialistischen Realismus vor die folgende Alternative, die ihren Sieg bereits im Anfang in sich trug. Einerseits empfahl sie der Literaturpolitik des Stalinismus, bzw. des Poststalinismus die Formel des "uferlosen Realismus". Diese Formel war mit der These gleichbedeutend, dass - abgekürzt gesagt - jedes wirkliche Kunstwerk auf seine Art "realistisch" ist, Realismus sei deshalb eben uferlos. Völlig unabhaengig von dem ursprünglichen und eigentlichen Wahrheitsgehalt dieser These wird auf den ersten Augenblick klar, dass es unmöglich ist, auf eine Konzeption des uferlosen Realismus eine funktionierende Zensur alten Stils aufzubauen.[9]
Diese Logik war unwiderlegbar. Der als "uferloser Realist" und "Genie der Schwaeche" aufgefasste Kafka hat gewonnen. In dem Augenblick, als eine Sanktionierung der auszugrenzenden Literatur unmöglich wurde, war auch die Diskussion über den Realismus deutlich uninteressant gewesen.[10]
![]() Ernst-Fischer |
Fischer ist es auch, der mit Garaudy geradezu wetteifert, Kafkasche Inhalte mit denen des jungen Marx zu identifizieren. Als er Milena zitiert, nach welcher Kafka solche Sachen wie die Börse als einen Mythos ansah, kommt er auf Marxens "Fetischcharakter" des Kapitalismus zu reden,[11] beim Anblick Karl Rossmanns eines Liftjungen assoziiert er auf die Ökonomisch-Philosophischen Manuskripte des jungen Marx[12]
Eine interessante und inhaltsreiche Vor- und Nebengeschichte zur Kafka-Realismus-Diskussion bietet Ernst Fischers lange und intensive Beschaeftigung mit Tibor Déry und seinen Romanen. Er schreibt 1955 im Österreichischen Tagebuch einen langen und enthusiastischen Essay über Dérys ersten grossen Roman.[13] Zu dieser Zeit sind auch zwei Briefe von Fischer an Déry erhalten geblieben.[14] Die Korrespondenz zwischen Fischer und Déry faengt 1961 wieder an, was sicherlich mit der Tatsache zusammenhaengt, dass Déry zu dieser Zeit aus seiner Gefaengnisstrafe entlassen wird.
1955 schreibt Fischer eine enthusiastische Kritik, die zwar innerhalb der Vokabular des Realismus-Diskurses bleibt, diesen Diskurs jedoch direkt aber auch indirekt in vielen Richtungen überschreitet. Er sieht in Déry "einen grossen Schriftsteller, einen der grössten unseres
Zeitalters." Seine Bücher "sind aus der Substanz gemacht, die man zum Leben braucht." Ferner: "Man denkt vor allem an Balzac und Gorki, denen Déry in vieler Hinsicht verwandt ist. Gleich ihnen wühlt er alle Gesellschaftsklassen auf und laesst uns bis auf ihren Grund blicken. Nichts Menschliches ist ihm fremd… " Er ist fasziniert vom Reichtum des schriftstellerischen Materials. "…dieser vulkanische Schriftsteller des Proletariats…weiss nicht nur, dass jeder Mensch ungewöhnlich ist, er hat auch die Kraft, dieses Ungewöhnliche überzeugend zu gestalten. Zum Unterschied von den grauen Naturalisten, die das Durchschnittliche mit dem Typischen verwechseln, waehlt er nicht die ’normale’, sondern die extreme Situation, um das Typische seiner Charaktere aufzudecken, um aus der konventionellen Maske das charakteristische Antlitz herauszuarbeiten…" Die antischematische Leidenschaft bricht auch noch heute durch diese Zeilen hindurch: "Déry ist ein Schriftsteller, der leidenschaftlich Partei ergreift, für die Arbeiterklasse, gegen die Bourgeoisie, für den Kampf der Kommunisten, gegen ein System, das er hasst – aber in dieser Parteinahme wird er niemals ungerecht oder oberflaechlich…"
![]() Hermann Broch |
Es ist nicht ohne ein gewisses Interesse, dass Fischer Déry sehr vorsichtig mit Hilfe von Hermann Brochs romanaesthetischer Vokabular beschreibt: "Ich glaube, Der unvollendete Satz will sagen, dass wir in einer Welt leben, in der das Alte nicht mehr, das Neue noch nicht da ist, in der die Menschen der Vergangenheit Ruinen, die Menschen der Zukunft Rohbau sind , und weder in Ruinen noch im Rohbau wohnt man gut…" In der Tendenz wird der realistische Diskurs erheblich ausgedehnt, die Umrisse einer "Uferlosigkeit" des Realismus erscheinen.
Wir dürften wohl annehmen, dass Ernst Fischer die Materialien der kürzlich in Ungarn ausgeführten und mit Déry’s Verurteilung schliessenden sog. Déry-Diskussion direkt oder indirekt kennt. Sein folgender Gedankengang laesst sich restlos in diese Diskussion einordnen: "Dérys Kunst besteht nicht darin, die Gesetzmaessigkeit einer gesellschaftlichen Formel literarisch zu illustrieren, sondern darin, das erregende, schreckliche, grossartige, bis in den dunkelsten Abgrund geliebte Leben in seiner widerspruchsvollen Fülle künstlerisch darzustellen. Aus hundert überraschenden originellen Zügen tritt immer wieder das grosse Gesetz des Klassenkampfes, der allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung…aber es draengt sich dem Leser nicht auf…"[15]
Fischer hört aber auch schon über Déry’s im Gefaengnis geschriebenen (unter anderen auch) kafkaesken Roman Herr A.G. in X , vom dem er im Brief vom 20. April 1961 an Déry folgendes schreibt: "Was man uns von Deinem Roman erzaehlt hat, klingt faszinierend; schon die Erzaehlung allein gibt ein grossartiges, unvergessliches Bild von dem Weg in diese gestorbene Stadt und von ihr selbst, von ihrer gespenstischen Absurditaet…" Kafka bleibt auch im Brief vom April 1962 das Thema: "Vor einigen Tagen habe ich einen Essay-Band ’Von Grillparzer zu Kafka’ beendet, der noch in diesem Jahr in Wien erscheinen soll…Das Problem der Perspektive in unserem Zeitalter ist vollkommen neuartig, denn ob der Mensch die Mittel meistern oder ob die Mittel ihn vernichten werden, ist noch reichlich ungewiss, und alles ist daher in Zwielicht getaucht, Apokalypse oder Erneuerung. Kafka ist in der Tat sehr aktuell, wenn auch sehr einseitig; ich habe über ihn kritisch, doch positiv geschrieben. Das Problem de ’Dekadenz’ ist, wie die gesamte Entwicklung, viel komplizierter als wir seinerzeit gedacht haben…" (Sperrung im Original.)
Kein Zweifel, in diesen durch die Nachricht von Déry’s kafkaeskem Roman intensivierten Gedankengaengen werden die Ideen der Kafka-Interpretation in Liblice erprobt. Um so mehr können wir es bedauern, dass, wie wir es aus einem Brief vom 24. September 1962 erfahren, Fischer einen "unglücklichen Sturz" erleidet und von da an die Briefe von Lou Fischer geschrieben werden (die früher, als in manchen Darstellungen für eine Verwandte von Déry gehaltene Frau, die Brieftexte stets mit eigenen ungarischsprachigen Grussworten versehen hat).
Fischers Korrespondenz mit Déry bleibt aber auch nach Liblice im Zeichen der im Sinne von der Kafka-Diskussion erweiterten und dadurch auch erneuerten Realismus-Problematik. Am 26. Oktober 1964 versucht es Fischer etwa, Déry’s Romanaesthetik schon mit dieser neuen Terminologie zu beschreiben: "Das Fascinierende Deiner literarischen Leistung scheint mir vor allem darin zu bestehen, dass Du als revolutionaerer Schriftsteller die subtile Methode, die zarte Praezision, die nuancierte Fülle des ’dekadenten’ (!) Marcel Proust (!) anzuwenden und zu entwickeln vermochtest. Du hast das Seltene zuwege gebracht, die Arbeiter nicht als die ’einfachen’, zum Unterschied von den komplizierten Menschen des Bürgertums, der Intelligenz darzustellen, sondern quer durch alle Klassen das Vielfaeltige, das Widerspruchsvolle, das Unerwartete aufzudecken…" [16]
[1] Zwischen dem zweiten und dem dritten Teilroman liesse sich auch noch die Möglichkeit eines weiteren Teilromanes konziperen (die Geschichte des Grossvaters), darüber hinaus erscheint die letzte Sequenz der Romanlinearitaet, d.h. die Zurückschaltung in die "Zeitgeschichte" ebenfalls als ein weiterer selbstaendiger Teilroman.
[2] Diese Vereinigung des parabolistischen und des realistischen Romans entspricht den historischen Bestimmungen jener Jahre und auf diese Weise kann sie auch auf eine weitere romantheoretische Kategorisierung Anspruch erheben.
[3] Im Zusammenhang der Hermeneutik der Macht gilt selbstverstaendlich auch George Orwell als durchaus relevanter Autor, ohne dass in diesem für Déry so wichtigen Kontext er (Orwell) die durchschlagende Bedeutung von Kafka erreichen würde.
[4] Garaudy, Roger Garaudy, Kafka. in: Parttalan realizmus? Budapest, 1964. 177. (Der Titel auf deutsch: Uferloser Realismus?).177.
[5] S. Garaudy, Karl Marx. Paris, 1964. - Charakteristischerweise erwaehnt Garaudy in seinem zunaechst 1971 erschienenen "Rückblick" auf dieses Erneuerungsdenken die Kafka-Konferenz mit keinem Wort mehr (Menschenwort. Wien - München, 1971). Er wusste scheinbar tatsaechlich nicht, wann er wirklich "Weltgeschichte" gemacht hat.
[6] Ernst Fischer arbeitet eine ganze ineinander hinübergreifende Kette von Gründen über die Zurückgebliebenheit Österreich-Ungarns aus. Ein Paradebeispiel: "...Österreich, in dem sich alles verspaetet hatte, der Faeulnisprozess der kapitalistischen Welt, die Problematik des letzten Stadiums, sich vertiefte..." (Von Grillparzer zu Kafka. Frankfurt am Main, 1975. 343. (Ursprünglich: Wien, 1962.)
[7] Selbstverstaendlich geht es uns nicht um den Wahrheitsgehalt dieser These. Gewiss ist es legitim, Kafka von dieser Sicht zu interpretieren. Die Klarlegung der strategischen Richtung gilt uns als selbstaendiger Gegenstand des Interesses.
[8] Von Grillparzer zu Kafka, 343.
[9] Lajos Mesterházi, Játék és varázslat. in: Parttalan realizmus? a.a.O. 271-300.
[10] Dass diese Niederlage auch noch zu zahlreichen bestimmenden Tatsachen führte, können wir an dieser Stelle nur kurz erwaehnen. Jedenfalls reichen die Linien bis heute, beispielsweise zur Vorherrschaft einer provinziellen Neoavantgarde.
[11] Von Grillparzer zu Kafka, 349
[12] Ebenda.
[13] Ernst Fischer, "Der unvollendete Satz". Das Werk eines grossen ungarischen Dichters. in Österreiches Tagebuch, 26. Februar 1955.
[14] Sie sind auf den 4. Februar und den 24. Maerz 1955 datiert (s. Új Magyar Központi Levéltár, XX-5-b-9. köt (56.d.) (Neues Ungarisches Zentralarchiv)
[15] Dieses Zitat (mitsamt den vorangehenden) stammen aus der unter der Fussnote 13. angeführten Zeitungspublikation.
16] Fast als Krönung dieser Einstellung erscheint Fischers Idee vom Brief vom 15. Januar 1967: "Wenn naemlich der Begriff ’Realismus’ überhaupt einen Sinn hat, bist Du nach dem Tode Faulkners der bedeutendste realistische Schriftsteller unserer Zeit, und dies möchte ich einmal, ohne die Gehetztheit, in der ich im Augenblick arbeiten muss, in Liebe und Verehrung darstellen." Es darf kein Zweifel mehr darüber bestehend, dass dieser "bedeutendste" realistische Schriftsteller jener Déry ist, der wie Franz Kafka auch schreibt!
FEL